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Ein Mädchen ist vor Gericht endgültig damit gescheitert, in den nur von Jungen besetzten Staats- und Domchor Berlin aufgenommen zu werden. Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg wies mit dem Urteil vom 21. Mai eine Berufung zurück. Die Chorleitung sei berechtigt, Mädchen auszuschließen, wenn sie bei allem Talent mit ihrer Stimme nicht dem Klangbild eines Knabenchores entsprechen.

Knabenchor singt bei einem Gottesdienst in der Bremer Kirche Unser Lieben Frauen (Foto: Imago, IMAGO / epd)
Die Klägerin argumentierte, sie hätte Anspruch auf gleiche Teilhabe an staatlichen Leistungen und Förderungen. Die Zugangsbeschränkung auf Jungen sei deshalb diskriminierend und unzulässig. Imago IMAGO / epd

Das Mädchen hatte sich als damals Neunjährige um die Aufnahme in den Staats- und Domchor Berlin beworben. Der Chorleiter lehnte sie ab. Die Begründung: Sie erreiche nicht das vorausgesetzte Niveau, und ihre Stimme füge sich nicht in das Klangbild eines Knabenchors.

Vor Gericht gezogen war die Mutter des Mädchens, weil sie das Recht ihrer Tochter auf Gleichberechtigung verletzt sah. Das Berliner Verwaltungsgericht hatte die Klage 2019 zurückgewiesen, sah aber in dem Streit einen „Pilotfall“ und hatte deswegen eine Berufung zugelassen.

Kunstfreiheit vs. Gleichbehandlung

Das Oberverwaltungsgericht erklärte nun, die Auswahlentscheidung des Chorleiters lasse Beurteilungsfehler nicht erkennen. Insbesondere die
„Orientierung daran, ob die Bewerberinnen und Bewerber zusätzlich zum
hohen Ausbildungsstand stimmlich zum Klang eines Knabenchores
passen“, sei nicht zu beanstanden.

Dem Land Berlin sei es es durch die Landesverfassung erlaubt, zum
Schutz des kulturellen Lebens die aus der christlichen Sakralmusik
entstandene Tradition der Knabenchöre zu pflegen. Dabei stehe der in Artikel 20 der Berliner Landesverfassung verankerte Anspruch auf Teilhabe an staatlichen Bildungseinrichtungen dem nicht entgegen. „Das berechtigt den Chorleiter dazu, Mädchen auszuschließen, wenn sie bei allem Talent mit ihrer Stimme nicht dem Klangbild eines solchen Chores entsprechen.“

Anatomische Unterschiede zwischen Mädchen- und Jungenstimmen

"Wenn man die Klangfarben mischt, wird es künstlerisch grau."

Aus Sicht des Chores ging die Ablehnung aber nicht in erster Linie auf ihr Geschlecht zurück. Die Ablehnung wurde mit einer ungenügenden Motivation und einer fehlenden Ausbildung begründet. Sie wäre aufgenommen worden, wenn die Stimme dem angestrebten Klangbild eines Knabenchores entsprochen hätte; das sei aber nicht der Fall, argumentiert der Staats- und Domchor.

Zwischen Mädchen- und Jungenstimmen bestünden anatomische Unterschiede, was zu differenzierten Chorklangräumen führe. Die hierauf zurückzuführende häufigere Ablehnung von Mädchen sei durch die Kunstfreiheit gerechtfertigt.

Die Ablehnung ist final

Diese politische Entscheidung sei von den Gerichten nicht zu beanstanden, wenn es im Land Berlin auch Mädchen möglich sei, eine hochwertige musische Bildung zu erhalten. Die Revision wurde nicht zugelassen.

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