Kommentar

Lucerne Festival schreibt sich Diversität auf die Fahne

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AUTOR/IN
Hannah Schmidt
ONLINEFASSUNG
Simon Burri

Als eines der wichtigsten Klassik-Festivals hat sich in diesem Jahr das Lucerne Festival mit seinem Motto für Diversität auf und hinter den Bühnen positioniert, erzählt Klassik-Kritikerin Hannah Schmidt.

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Festival positioniert sich wiederholt gesellschaftspolitisch

Es ist nichts Neues, dass sich das Lucerne Festival kultur- und gesellschaftspolitisch positioniert. Schon 2016 zum Beispiel haben die Veranstalter*innen Dirigentinnen in den Mittelpunkt gestellt, und im Folgejahr die Kunst von Geflüchteten.

Konservative Kritiker*innen rieben sich da prompt die Hände: Jetzt werde nicht mehr auf die Kunst geachtet, hieß es da, sondern auf identitätspolitisches Lob! Weil plötzlich nicht mehr die gleichen zehn Verdächtigen auf dem Programm standen, sondern neben ihnen auch ein paar Leute, die zuvor unterm Radar geflogen waren.

„Diversity-Washing“: Berechtigte Kritik?

Beinahe das Gleiche passiert auch in der diesjährigen Ausgabe: Lucerne Festival macht einen Schritt nach vorn, lädt nichtweiße Musiker*innen ein und setzt Sinfonien und Konzerte von 16 Schwarzen Komponist*innen und von 24 Komponistinnen aufs Programm.

Die Schwarze Sängerin Golda Schultz und der Schwarze Komponist, Schlagzeuger, Pianist und Posaunist Tyshawn Sorey sind die „Artistes etoiles“ – und es gibt Widerstand. Allerdings ist dieses Mal etwas anders.

Der Widerspruch kommt nämlich deutlich vorsichtiger daher und weht aus einer anderen Richtung: Unter anderem hat ein Artikel in der New York Times herausgestellt, dass sich bei diesem Thema besonders diejenigen zu Wort melden, die fürchten, Intendant Michael Haefliger und sein Team könnten Diversität eher als modernes Schlagwort für ihr Image benutzen anstatt ernsthaft am Thema interessiert zu sein. Das würde man dann „Diversity-Washing“ nennen: ein Jahr lang nichtweiße Künstler*innen einladen und dafür gelobt werden, aber danach genauso weiterzumachen wie bisher.

Vielmehr ist das Ziel ein Festival, das sich „Diversität“ gar nicht mehr groß auf die Fahne schreiben muss. Insofern hat Lucerne Festival eines gezeigt: In einer verkrusteten Szene, in der die Orchester noch immer extrem undivers sind, die Tourprogramme weiß und die Intendantenzimmer in den Händen von Männern, kann man trotzdem anders handeln. Es hat gezeigt, dass Institutionen viel mehr Gestaltungsspielraum haben, als sie zugeben. Daran werden wir sie beim nächsten Mal messen.

Öffnung für ein diverseres Publikum

Die Gründerin des Chineke!-Orchestras, Chi-Chi Nwanoku, hat darauf in ihrer Eröffnungsrede hingewiesen: „Einfach nur ein Orchester wie das Chineke! zu programmieren, macht noch kein diverses Festival“, sagte sie dem Luzerner Publikum.

Vielmehr müsste eine Institution wie Lucerne Festival an ihren internen Strukturen arbeiten und auch den Blick ins Publikum richten: Ein diverseres Programm, so Nwanoku, gehe nur zusammen mit der Öffnung für ein diverseres Publikum.

„Ein diverseres Programm, geht nur zusammen mit der Öffnung für ein diverseres Publikum.“

Damit hat sie einen Nerv getroffen: Wenn es der Szene schon so schwerfällt, für einen diverseren Kanon einzustehen, für eine diversere Besetzung der Ensembles und eine diverse Führungsebene, dann hat das schließlich Gründe.

Festgefahrene Hierarchien, Sexismus und Rassismus sind nur drei davon. Man kann unterstellen, dass die Klassik, wenn man ehrlich ist, nie ein Ort für alle sein wollte – und so über die Jahrhunderte zu einem weißen, männlichen Raum geworden ist: auf der Bühne wie in der Forschung und im Publikum.

Ein wichtiger Schritt

Ein wirklich diverses Festival ist deshalb also keins, bei dem ein weißes Publikum unter einem entsprechenden Motto nichtweiße Künstler*innen bestaunen kann und danach aber wieder zur exkludierenden Normalität zurück will.

Vielmehr ist das Ziel ein Festival, das sich „Diversität“ gar nicht mehr groß auf die Fahne schreiben muss. Insofern hat Lucerne Festival eines gezeigt: In einer verkrusteten Szene, in der die Orchester noch immer extrem undivers sind, die Tourprogramme weiß und die Intendantenzimmer in den Händen von Männern, kann man trotzdem anders handeln.

Es hat gezeigt, dass Institutionen viel mehr Gestaltungsspielraum haben, als sie zugeben. Daran werden wir sie beim nächsten Mal messen.

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