Publikation zum kulturhistorischen Hintergrund von E- und U-Musik Beethoven und andere Götter

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Buchkritik vom 13.9.2017

Auf dem Umschlagbild sitzt Beethoven auf seinem Wolkenthron. So wie ihn Max Klinger 1902 in seiner prachtvollen Großplastik positioniert hat: Unnahbar. Erhaben. Der vergöttlichte Mensch, der Künstler-Genius, zu dem wir aufschauen. Mit einem Gefühl wie in der Kirche. Hier setzt Helmut Loos an und fragt sich: Wie kommt er, Beethoven, da überhaupt hin? Wer hat ihn auf diesem Thron Platz nehmen lassen? – Dies ist die eine Fragestellung, der Loos nachgeht: "Beethoven und andere Götter". So der Untertitel zu einer Aufsatzsammlung, in der sich dann vor allem alles dreht um die Frage der "Erhebung der Musik zu religiöser Bedeutung":

Es ist das zentrale Thema des Autors. Loos geht davon aus, dass die vom 19. Jahrhundert religiös überwölbte Kunst fortlebt, gewissermaßen ihre Auferstehung feiert in dem, was wir als Ernste Musik bezeichnen: "E-Musik – Kunstreligion der Moderne". Ein Titel, der manche Erwartungen weckt – und manche Fragen auslöst, die im Buch letztlich unbeantwortet bleiben.

Was vor allem damit zusammenhängt, dass keiner der "verstreuten Vorträge" sich mit der wirklichen Herkunft der Unterscheidung in E- und U-Musik befasst, wie sie sich in den musikalischen Verwertungsgesellschaften des frühen 20. Jahrhunderts konstituiert hat. Bis heute ist dies ja die Verteilungspraxis der Gema: Für E-Musik wird viel, für U-Musik wenig gezahlt. Warum ist das so? Und, was hat das mit der Musik als Kunstreligion zu tun? Ein Themenbündel, das von Loos leider vollkommen ausgeklammert wird.
Stattdessen sieht der Autor seine Aufgabe darin, die Gefechtspositionen der Generation 68 neu zu besetzen. Doch was bleibt noch zu tun, nachdem Beethoven von seinem Thron heruntergeholt, der "emphatischen Kunstwissenschaft" die Luft abgelassen ist? Es sind Nachhutgefechte, die für Loos anstehen. Beispielsweise um den kunstreligiös aufgeladenen Begriff des Fortschritts. Hier sieht er seine eigene Zunft in der Kritik. 1976 habe der Musikwissenschaftler Carl Dahlhaus noch dekretiert

um 20 Jahre später in einem Sammelband zur "Verteidigung des Fortschritts" mitzuarbeiten. – Solcherart Widersprüche, gewissermaßen kunstreligiöse Restbestände, versammelt der Autor in diesem mit 158 Seiten recht schmal ausgefallenem Büchlein. Fündig wird er dabei auch bei den Komponisten. Etwa bei denjenigen, die sich in der Nachfolge Beethovens und Liszts mit der Figur des Prometheus oder auch Prometeo befasst haben.

So trifft der Bannstrahl des Autors am Ende auch Luigi Nono. Ernsthaft wird dem Komponisten vorgehalten, er habe seine Musik zu wenig "erklärt", damit quasi kunstreligiös verschleiert. Erst habe Nono durch sein Libretto der "Mystifizierung" Vorschub geleistet, dann auch noch keinerlei "Aufklärung über Kompositionsintentionen und Werkstrukturen" gegeben. – Nun, das wäre was! Der Komponist komponiert nicht nur, sondern verrät auch gleich noch, wie das Ganze zu verstehen sei. Willkommen im Schlaraffenland der Musikwissenschaft!

Was all dies zur Klärung der Frage beiträgt, wie und vor allem warum die E-Musik eine Kunstreligion der Moderne sei, bleibt merkwürdig unkonkret. Fazit: Ein Bändchen, das den Leser mit einem kunstvoll-dialektisch verrätselten Titel lockt. Der Rest, ein knappes Dutzend verstreuter Loos-Aufsätze zwischen zwei Buchdeckeln neu zusammengetackert, enttäuscht. Helmut Loos tritt als Religionskritiker einer Kunstanschauung auf, die schon längst nicht mehr religiös betrieben wird. Da wünschte man sich mehr als nur Recyceltes.

Buchkritik vom 13.9.2017 aus der Sendung "SWR2 Cluster"

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