Brüggemanns Klassikkommentar

Leere Konzerthäuser nach Corona – Wer ist schuld?

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Die Konzerthäuser sind nach über einem Jahr Corona nahezu leer, Schuld daran sei das Publikum, sagen die Konzertveranstalter. Doch die Branche muss sich erneuern, so SWR2 Kommentator Axel Brüggemann. Die Klassik brauche Überzeugungskraft und Qualität, damit die viel beschworene „Systemrelevanz“ nicht nur gefordert, sondern auch gelebt würde.

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Ernüchternde Zustände

„Systemrelevant“, das war das Stichwort des letzten Jahres: „Wir sind systemrelevant“, haben Künstler*innen immer wieder behauptet. Kultur und Musik seien Grundnahrungsmittel. Und nun, da die Konzert- und Opernhäuser wieder öffnen, scheint ein großer Teil des Publikums nicht ganz so hungrig zu sein, wie einige Kulturschaffende das vermutet haben.

Die Auslastungszahlen deutscher Klassik-Veranstalter sind ernüchternd: Von Baden-Baden bis Bielefeld, von Leipzig bis Lübeck – das Publikum tut sich schwer mit dem Ticketkauf.

Kultur ist keine Selbstverständlichkeit mehr

Kulturveranstalter schieben das mangelnde Interesse auf die „Sattheit des Publikums durch Streams“, oder auf „Angst vor Ansteckung“ zurück. Journalisten-Kolleg*innen schreiben Aufrufe: „Hoch vom Sofa, rein in die Konzerte – hin zum Abenteuer der Live-Vorstellungen.“ Schön und gut. Nur: All das scheint wenig zu bewegen.

Was ist passiert? Wir müssen einsehen, dass die Selbstverständlichkeit von Kultur abhanden gekommen ist. Das Abo beim Orchester und der Besuch in der Oper gehören nicht mehr unbedingt zum guten Ton.

„Belangloses Nullachtfünfzehn-Repertoire“

Liebe Klassik-Blase, das mit den Gedanken zum „Neudenken einer Branche“ war nicht nur dahergesagt. Während der Pandemie lag der Satz „Nach Corona muss vieles anders werden“ noch in der Zukunft – heute ist er Gegenwart.

Aber vieles ist eben so wie immer geblieben: Stadttheater-Intendant*innen, die glauben, dass ihr Publikum selber Schuld sei, wenn es nicht mehr kommt. Veranstalter, die einfach weiter belangloses Nullachtfünfzehn-Repertoire planen, ohne erklären zu können, warum ausgerechnet dieser Abend 40, 60 oder gar 200 Euro Wert sein soll.

Veranstalter sind in der Bringschuld

Wo sind die Ideen? Die Geschichten? Wo ist die Sinnlichkeit der Musik? Wo ihre Relevanz für unseren Alltag und unser Leben? Wo die künstlerische Qualität und die bedingungslose Wahrhaftigkeit gegen über der Musik?

Stattdessen herrscht noch viel zu oft die Mentalität, dass das Publikum in der Bringschuld stehe, dass die Arroganz, die Spitzen-Gehälter, die Weltfremdheit von Klassik-Stars oder die große, hohle Show zum Star-Image gehören.

Anders als die Klassik, sind die Kinos schon voller. Hier hat James Bond nachgeholfen: Ein Film, den die Leute sehen wollten, dessen Bilder- und Klangwelten die große Leinwand verlangen – Kino, wie es kein Mobiltelefon- oder Tablet-Stream, nicht mal der Beamer im Wohnzimmer liefern kann!

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„Alles wird anders werden müssen.“

Heute ist klar, dass diese Satz auch für die Klassik gilt. Nicht für Bach, Beethoven und Brahms, Mozart, Mendelssohn oder Mahler – ihr Kompass ist heute wichtiger denn je. Wohl aber für den Betrieb, die Veranstalte*rinnen und die Künstler*innen.

Wer heute das Publikum beschimpft, dass es nicht kommt, weil es zu ängstlich, zu träge oder zu satt sei, der sollte sich vielleicht lieber an die eigene Nase fassen und mehr Mut beweisen: Die Klassik braucht neue Geschichten, neue Koordinaten, mehr Qualität, sie muss programmatisch überzeugen und sinnlich beweisen, dass sie relevant ist und ihre Relevanz nicht nur behauptet.

Das „Weiter so!“ – wir sehen das derzeit – ist keine Lösung. Das Publikum bleibt aus. Und es gibt nur einen Anfang für alle Überlegungen. Der erste Satz muss heißen: „Nehmen wir an, das Publikum ist nicht Schuld…“ ja – was wäre dann. Auch Kulturinstitutionen sollten sich weniger fragen, was das Publikum für sie tun kann, als was sie für das Publikum tun könnten.

Die Konzerthäuser sind nach über einem Jahr Corona nahezu leer, Schuld daran sei Publikum, sagen die...Posted by SWR2 on Monday, October 18, 2021

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