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INTERVIEW

Der Dirigent James Levine ist im Alter von 77 Jahren verstorben. Levine hat als renommierter Dirigent unter anderem das Metropolitan Orchestra sowie das Orchester in Boston und die Münchner Philharmoniker geleitet. Seine letzten Jahre waren von Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs geprägt. Zum Tod von James Levine spricht Katharina Eickhoff mit SWR2 Musikredakteur Bernd Künzig.

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Er war einer der großen Operndirigenten seiner Zeit. Seine Opernaufnahmen mit Domingo, Pavarotti und Co. sind Klassiker. Das Orchester der Metropolitan Opera hat ihm aus der Hand gefressen. James Levine selbst war einer der mächtigen Strippenzieher im internationalen Musikleben.

Levine als eindrucksvoller Klangmeister

Bernd Künzig, Opernredakteur bei SWR2, war bei einer der legendären Parsifal-Aufführungen in Bayreuth dabei. Levine war der erste jüdische Dirigent nach Hermann Levi, der hundert Jahre früher die Uraufführung im Jahr 1882 dirigierte.

„Er war einer der paradigmatischen Parsifal-Dirigenten in Bayreuth nach dem Krieg. Neben Knappertsbusch und Boulez hat er die intensivste Interpretation dieses Werks von Wagner gemacht“, so Künzig über Levine: „Das glühte unglaublich. Die Tempi waren sehr langsam, meditativ.Aber man hörte dieses Stück noch mal in einer vollkommen anderen Klarheit.“

Metropolitan Orchestra Ehemaliger Met-Dirigent James Levine verstorben

Der Dirigent James Levine ist im Alter von 77 Jahren verstorben. Levine hat als renommierter Dirigent unter anderem das Metropolitan Orchestra, sowie das Orchester in Boston und die Münchner Philharmoniker geleitet. Seine letzten Jahre waren von Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs geprägt.  mehr...

James Levines Wirken an der Metropolitan Opera

Als Dirigent war Levine bei den Sänger*innen sehr beliebt. Er sei ein perfekter Begleiter, der symbiotisch mit den Stimmen umgegangen sei, so Künzig im Gespräch mit SWR2. „Er war ein kongenialer Sängerbegleiter. Da wurde klanglich nie etwas zugedeckt, er ist nie über die Stimmen hinweggegangen und er hat die Sängerinnen und Sänger auch alle geliebt“.

Neben der Oper hat sich Levine auch für die Moderne interessiert und eingesetzt. Er hat moderne Stücke in das Repertoire der Metropolitan Opera eingeführt: Bergs Wozzeg, sowie die Lulu, Schönbergs Moses und Aron. Außerdem hat er zahlreiche amerikanische zeitgenössische Komponisten an der Metropolitan Opera uraufgeführt.

'Die Sache mit Jimmy und den Jungs'

Im Jahr 2017 sind die Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen publik geworden. Ein Jahr später wurde Levine als künstlerischer Leiter der Met entlassen. Die betreffenden Fälle lagen Jahrzehnte zurück und waren schon verjährt. In der Musikwelt war das Thema schon länger bekannt.

Trennungsgeld New Yorker Met zahlte James Levine angeblich 3,5 Millionen Dollar Abfindung

Am 3. Dezember 2017 suspendierte die New Yorker Metropolitan Opera ihren Star-Dirigenten James Levine nach Vorwürfen wegen sexuellen Missbrauchs in mehreren Fällen, die Kündigung folgte im März 2018. Der folgende Streit über die Rechtmäßigkeit der Kündigung wurde offenbar mit einer Abfindung beendet.  mehr...

Deswegen sieht Bernd Künzig den Skandal im Kontext der Musikszene und in der gesamten Gesellschaft. Als Levine Chefdirigent der Münchner Philharmoniker war, hatten die Grünen im Stadtrat eine Anfrage wegen der sexuellen Übergriffe gestellt.

Die anderen Parteien wiesen die Vorwürfe empört zurück. „Man wollte James Levine als Chefdirigent. Er war von hohem Rang und hatte vielversprechende Schallplattenverträge“, so Künzig.

Gesellschaft hat weggeschaut

Ebenso habe man bei der Metropolitan Opera weggeschaut. Zwar seien Fälle intern bekannt gewesen, dennoch sind diese nicht publik geworden und Levine wurde nicht strafrechtlich verfolgt. Die Metropoiltan Opera ist eine Institution der Upper Class, erklärt Bernd Künzig: „Die Gesellschaft hat da weggeguckt.“

„Opern- und Theaterhäuser sind nach wie vor sehr feudal strukturiert. Das ist unsere überlebte Adelsgesellschaft und es geht um Macht-Positionen.“

SWR2 Opernredakteur Bernd Künzig
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