Dokumentation eines Symposiums des Brahms-Instituts an der Musikhochschule Lübeck Symposium: Musik im Spannungsfeld des deutsch-französischen Verhältnisses 1871-1918

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Buch-Tipp vom 24.10.20

In einem Symposium des Brahms-Institutes an der Musikhochschule Lübeck ging es um „Konfrontationen: Musik im Spannungsfeld des deutsch-französischen Verhältnisses 1871-1918“. Und so heißt auch der Sammelband, in dem die Beiträge veröffentlicht wurden.

Johannes Brahms ist unumstritten einer der großen deutschen Komponisten, wenn es um romantische Chormusik geht. In Lübeck hat man sich aber einem Thema gewidmet, das zunächst einmal gar nichts mit dem romantischen Chorklang gemein hat. Anhand der Beziehung von Johannes Brahms zu Frankreich werden in diesem Buch Themen angeschnitten, die erstmal das konventionelle Bild der Musik, die keine Ländergrenzen kennt, ins Wanken bringt.

Herausgeber Wolfgang Sandberger beschreibt zum Beispiel den direkten Einfluss von altbewährtem, länderinternem Schubladendenken auf das Layout einer Notenausgabe.
Ein Titelblatt hatte auszusehen, wie man sich in Frankreich „Deutschtümelei“ vorstellte. Wurde ein Instrumentalwerk von Brahms also in Frankreich herausgegeben,
beeinflussten geläufige Klischeevorstellungen offenkundig die optische Gestaltung des Notenheftes.

Die Zementierung von „Deutschland Klischees“ im Nachbarland Frankreich ist Gegenstand gleich mehrerer Artikel im Buch, die sich zunächst intensiv mit Brahms befassen. Mehrfach werden kritische Stimmen der französischen Presse zitiert, wie etwa die des Musikkritikers Pierre Lalo. Er schreibt wenige Jahre nach Brahms‘ Tod über eine Aufführung:

Der Musikwissenschaftler Anselm Gerhard bringt Brahms‘ Image bei französischen Zeitgenossen auf den Punkt:

Nach der Lektüre der Beiträge ist klar, dass Brahms zumindest zu Lebzeiten und sogar bis nach Ende des 2. Weltkrieges nur wenige Verehrer in Frankreich hatte. Aber es wird auch gezeigt, dass die Abneigung auf Gegenseitigkeit beruhte. Neben Ausführungen über Brahms‘ miserables Französisch schreibt Autorin Ingrid Fuchs über die Komposition seines Triumphliedes:

Auch die Wagner-Verehrung in Frankreich oder die unterschiedlichen Orchesterklänge von deutschen und französischen Kompositionen werden im Tagungsband „Musik im Spannungsfeld des deutsch-französischen Verhältnisses 1871-1918“ angeschnitten. Dreh und Angelpunkt der Betrachtungen bleibt aber Johannes Brahms. Besonders aufschlussreich ist dabei die ausgezeichnete Bebilderung des Bandes. Und die kommt nicht von ungefähr: In einem zweiten Teil des Buches ist ein Katalog zur Ausstellung „Brahms und Frankreich“ des Brahms Instituts Lübeck abgedruckt. Der Katalog zeigt Ausstellungsstücke wie Briefe, Fotographien, Manuskripte und Notenausgaben aus Brahms‘ Nachlass. So hat man während des Lesens gleich das passende Quellenmaterial zur Hand.

Es handelt sich hier ohne Frage um ein Fachbuch mit Nischenthema, in das sich allerdings der historisch interessierte Leser auch ohne musikwissenschaftlichen Hintergrund leicht hineinversetzen kann. Herausragend sind die für eine rein wissenschaftliche Publikation ungewöhnlich vielen Abbildungen, die ein Gespür dafür geben, welchen Einfluss Ländergrenzen dann doch auf die vermeintlich völkerverbindende Musik haben können. Denn trotz dieser Universalsprache ist man in der Vergangenheit dem frommen Wunsch nach „alle Menschen werden Brüder“ nicht immer nachgekommen…

Buch-Tipp vom 24.10.2018 aus der Sendung SWR2 Treffpunkt-Klassik

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