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Hätte Igor Strawinsky jemals unterrichtet, etwa Kontrapunkt oder Marketing – der Komponist und SWR2-Kolumnist Gordon Kampe hätte sich für Strawinskys Marketing-Seminar entschieden. Denn, so sagt er, mit einem Kompositionsauftrag an Strawinsky sei es ein bisschen so gewesen wie mit Forrest Gumps Pralinenschachtel: Man weiß nie, was man kriegt – nur wird’s ein bisschen teurer.

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Begegnung mit dem Kritiker

Gerade ist meine Uraufführung vorbei, ich stehe von meinem Sitz auf – schon ist er wieder da: jener garstige Moment, an dem man unversehens in die Arme des gestrengen Kritikers läuft.

Natürlich hat es ihm auch diesmal wieder nicht gefallen. Dieses leichte Flattern ums linke Nasenloch, das kenne ich schon. Es bringt 190 Zeichen Unheil. Etwas peinlich berührt sagt er: „Oh … das … war ja ganz anders als sonst!“ Aha, denke ich mir: Kann man ihm aber auch nix recht machen.

Strawinsky: Stilvollendet stillos

Womit ich, Sie ahnen es längst, bei Igor Strawinsky wäre: Es gibt Komponisten, deren Musik man schon aus der Ferne erkennt. Ein zartes Meereslüftchen hier: Debussy, ein bedrohliches Glissando dort: Xenakis, ein saftiges "Krchhhh", das kann nur Lachenmann sein. Und dann gibt es Strawinksy!

Stilvollendet stillos, Dieb, Präzisionshandwerker und zudem stets tadellos gekleidet – mit Tarnkappe und Einstecktuch. Der Kritiker-Einwand, dass es ja heute ganz anders war als sonst, hätte ihm wohl gefallen.

Von Wiederholung wollte er nichts wissen

Nach dem supererfolgreichen Skandal des "Frühlingsopfers" hätte Strawinksy, wäre nicht der Krieg dazwischengekommen, sicherlich auch noch Sommer, Herbst und Winter erst riesenhaft massakrieren und dann zu Geld machen können.

Doch von Wiederholung wollte er nichts wissen. Den Sacre-Stil kann er, also doch lieber einen Blick zurück mit Pulcinella wagen, dann Jazz, dann dies, dann das und schließlich sogar Zwölftonmusik.

Geschickt im Marketing

Mit einem Kompositionsauftrag an Strawinsky ist es ein bisschen wie mit Forrest Gumps Pralinenschachtel: Man weiß nie, was man kriegt – nur wird’s ein bisschen teurer.

Hätte Strawinsky jemals unterrichtet, etwa Seminare in Kontrapunkt und Marketing angeboten – und ich könnte mich für einen Tag mit einer Zeitmaschine in eines seiner Seminare beamen … Die Wahl fiele leicht: Ich nähme das Marketing, denn mein Opel kommt langsam in die Jahre.

Strawinskys Trick

Die putzige Idee vom Künstler, der nur unter Leidensdruck und Not große Kunst schaffen kann, kann man hier getrost einpacken. Kaum jemand war wohl so geschäftstüchtig wie Strawinsky.

"Der Trick", sagte er, "besteht darin, dass man sich seinen Auftrag selbst aussucht, dass man das komponiert, was man komponieren möchte und es sich nachträglich bestellen lässt."

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"Elevator pitch" bei Sergej Diaghilev?

Klingt plausibel, aber wie geht das? Was in Gottes Namen war sein Kick, sein "elevator pitch" bei Aufraggeber Sergej Diaghilev, dass Strawinsky ihm am Ende den "Sacre" verkauft hat? "Hör zu Serge: Ich schichte ein paar Tonarten übereinander, mache bum-bum-rrum-bum, bum-bum – und dann brennt die Hütte!" Vielleicht war es so!

Und weil der Kurator Diaghilev ein Visionär war, hat er ihn halt machen lassen. Von Strawinksy kann man also auch heute noch viel lernen.

Kein Stil als Masche

Komponist*innen: Wenn man was kann, lässt man es wieder sein, bevor es auf dem Weg zum Stil zur Masche wird. Und Auftraggeber sollten lieber nur die Pralinen bestellen, aber uns Komponis*tinnen die Füllung überlassen.

"Oh … das … war ja ganz anders als sonst!" – höre ich da wieder den Kritiker schmollen. Recht hat er.

Zum 50. Todestag Igor Strawinsky als Dirigent und Komponist beim Südwestfunk

Igor Strawinsky war nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem neu gegründeten Südwestfunk und seinem Orchester verbunden, sowohl als Dirigent als auch als Komponist. Von 1951 bis 1957 leitete er in Konzerten und Aufnahmen das Orchester, und seine neue Ballettmusik „Agon“ erlebte bei den Donaueschinger Musiktagen 1957 unter seiner Leitung die deutsche Erstaufführung.  mehr...

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Gespräch Heidy Zimmermann über den Nachlass von Strawinsky: Auch die Partitur des „Sacre“ ist ein Momument

Vor 50 Jahren, am 6. April 1971, starb Igor Strawinsky in New York. Er war Zeitzeuge und einer der bedeutendsten Komponisten der Moderne. Strawinskys Nachlass liegt seit den 1980er Jahren in Basel und wird heute von Heidy Zimmermann kuratiert.  mehr...

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