Kommentar

Beethovenfest 2022: Wirklich ein Fest für „Alle Menschen“?

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AUTOR/IN
Hannah Schmidt

Das Beethovenfest Bonn stand dieses Jahr unter dem Motto „Alle Menschen“: Das Textzitat aus dem Chor von Beethovens Neunter ließ sich als Slogan aus unterschiedlichen Richtungen richtig und auch falsch verstehen. Wurden alle Menschen bei dem Beethovenfest angesprochen? Oder bleibt es eine leere Versprechung?

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Weniger Diskriminierung und mehr Diversität: Ein Beethovenfest für „Alle Menschen“

Steven Walter hatte gerade seine Intendanz beim Beethovenfest gestartet, da machte er direkt die ganz großen Fässer auf: Sein Team verfasste ein Diskussionspapier als diskriminierungskritisches Commitment zwischen allen Beteiligten, dazu gab es mehrere Diskussionsrunden unter Publikumsbeteiligung zum Thema Diversität – und ein Motto, das es in sich hatte.

„Alle Menschen“ haben Walter und sein Team über das traditionsreiche Festival geschrieben und damit für Kritiker*innen unter anderem eins suggeriert: Das Beethovenfest Bonn war vorher nicht für „alle“ da!

Beethovenfest Bonn: Eröffnungsparty „Ludwig BÄM Beethoven“ (Foto: Pressestelle, Beethovenfest Bonn / Sophia Hegewald)
Bei der Eröffnungsparty „Ludwig BÄM Beethoven“ wurde das Opernfoyer Bonn zum Club. Das Orchester im Treppenhaus versuchte mit seinem Programm „Disco“ zu zeigen, wie körperlich Orchestermusik sein kann. Pressestelle Beethovenfest Bonn / Sophia Hegewald

Kein Wunder, dass da ungläubige Rückfragen kamen. Immer wieder tauchte die Frage auf: Was will man überhaupt mit einem Klassik-Festival bezwecken? Ist es nicht komplett vermessen, „alle“ erreichen zu wollen? Oder anders gesagt: Wo kommen wir denn dahin?

Helene Fischer oder Ludwig van Beethoven: Was ist Musik für „alle“?

Das Motto ist natürlich der „Ode an die Freude“ entlehnt. Es bezieht sich auf das Moment, in dem „alle Menschen Brüder“ werden. Im Grunde ist der Satz gar kein so unbekannter und gar nicht mal allzu gewagt. Zudem wird er immer wieder, mehr oder weniger, mit Beethoven in Verbindung gebracht und dabei auch gerne überstrapaziert.

Ihn nun aber über ein Festival zu schreiben, stellte ihn ganz neu auf die Probe: Wie wollen wir klassische Musik verstehen? Muss Klassik wirklich für „alle“ sein – Helene Fischers Musik ist es doch auch nicht?

Beethovenfest Bonn: Diskussionen im Viktoriabad Bonn (Foto: Pressestelle, Beethovenfest Bonn / Meike Boschemeyer)
Spricht Klassik wirklich „Alle Menschen“ an? Ein Gesprächsformat im Bonner Viktoriabad setzte sich mit diesem Thema auseinander. Pressestelle Beethovenfest Bonn / Meike Boschemeyer

An diesem Argument, das mehrere Male beim Beethovenfest vorgebracht wurde, gibt es ein Problem: Helene Fischer oder das Wacken-Festival sind nicht öffentlich gefördert, es fließen also keine Steuergelder in ihre Arbeit. Was jedoch alle Bürger*innen dieses Landes finanzieren, muss ihnen zwar nicht nach dem Mund reden – aber es darf sie zumindest nicht ausschließen oder gar diskriminieren.

Rassismus, Sexismus und Klassendenken: Das Motto scheitert an seinem universellen Anspruch

Stattdessen findet auf unseren Bühnen und innerhalb der Strukturen in Orchestern und Häusern nach wie vor Rassismus statt. Sexismus ist alltäglicher Bestandteil von Musiktheater, sowohl vor dem Vorhang als auch dahinter.

Beethovenfest Bonn: Beethovenfest x Electronic Beats (Foto: Pressestelle, Beethovenfest Bonn / Steffi Retti)
Beethoven meets Elektro: Die preisgekrönte Pianistin, Komponistin und Musikerin Hania Rani sorgte mit ihren Live-Sets bei der Abschluss-Party „Beethovenfest x Electronic Beats“ für klangliche Vielfalt. Pressestelle Beethovenfest Bonn / Steffi Retti

Was die Barrierefreiheit angeht, können viele Konzerthäuser auch noch einiges dazulernen – und über tiefsitzenden Klassismus, also Diskriminierung und Vorurteile gegenüber Menschen mit weniger Geld oder sozialem Kapital, müssen wir an dieser Stelle gar nicht anfangen zu reden.

„Alle Menschen“ ist so gesehen ein trauriges, ein gescheitertes Motto: Klassische Musik, und mit ihr Beethoven, ist heute viel zu weit davon entfernt, für „alle“ zu sein. Und streng genommen ist es auch vermessen, alle Menschen mit so spezieller Musik erreichen zu wollen. Keine Kunst der Welt kann das – und das ist auch gut so.

Klassische Musik kann für alle sein, wenn sie denn will.

Gleichzeitig ist „alle Menschen“ aber auch ein Erfolg gewesen: Das Beethovenfest hat die Kunst, die gezeigt wurde, versucht, als kollektives Gut zu verstehen. Als etwas, das der Allgemeinheit gehört und gehören soll, und zu dem die Allgemeinheit etwas beitragen kann.

Steven Walter, Intendant Beethovenfest, bei Diskurs "Alle Menschen" (Foto: Pressestelle, Meike Boschemeyer/Beethovenfest Bonn)
Steven Walter, Intendant Beethovenfest, bei Diskurs "Alle Menschen" Pressestelle Meike Boschemeyer/Beethovenfest Bonn

Es blieb so vor allem eine Erkenntnis: Künstlerische Qualität ist nicht an Exklusivität gebunden. Klassische Musik kann für alle sein, wenn sie denn will. Diesen Schluss können manche vielleicht schwer aushalten – aber sie sollten sich darin üben.

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