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Im sogenannten „Lockdown Light" wurden alle Einrichtungen der Unterhaltungsindustrie geschlossen. Dass die Klassik auch darunter fällt, reizt viele Musiker*innen. Aber ist klassische Musik Unterhaltung oder Hochkultur? Unser Kolumnist Axel Brüggemann fragt sich, angesichts der immer wiederkehrenden Debatte um Relevanz, ob die Klassik nicht vielleicht ein Problem mit dem eigenen Anspruch hat.

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Viele Musiker*innen sind sauer. Weil sie in Corona-Zeiten als Teil der „Unterhaltungsindustrie“ abgetan wurden und Opern- und Konzertsäle zu „Orten des privaten Vergnügens“ wurden und – von einigen Politiker*innen – in einem Atemzug mit Restaurants, Muckibuden und (oh Gott!) Bordellen genannt wurden. Wie kann man nur?!? Die heilige Hochkultur der Klassik so herabwerten. Wie das Beste, Schönste und Hehrste – den Ausdruck tiefsten Humanismus’ – derart profanisieren?

Die Plattenindustrie ist längst in der Unterhaltung angekommen

Wie man das kann? Äh – ganz einfach. Hier mal die letzten Alben des herausragenden Tenor-Künstlers Jonas Kaufmann: „Dolce Vita“ – mit  italienischen Canzoni, „Wien“ – mit Wiener-Liedern (leider ohne großen Schmäh) und nun: „Let it Snow“ – das Weihnachtsalbum auf den Spuren von Frank Sinatra. Passend dazu gab es auf Amazon Prime eine Doku über Herrn Kaufmann, die in erster Linie am Garten-Grill gedreht wurde, mit Frau und Kindern, eine Homestory, der man – mit viel Wohlwollen – den Informationswert der „Bunten“ attestieren kann.

Jonas Kaufmann kocht (Foto: Indi Herbst)
In seiner Amazon-Doku „Jonas Kaufmann - Ein Weltstar ganz privat" präsentiert sich der Tenor als Familienvater, der auch gerne in der Küche werkelt. Indi Herbst

Das ist ungerecht? Na ja: angeblich plant Jonas Kaufmann als nächstes, die „Vier letzten Lieder“ von Richard Strauss aufzunehmen. Warum ausgerechnet einen Liederzyklus für Frauenstimmen? Na, weil er der erste Tenor wäre, der das tut: Es geht eben nicht immer um die Kunst, sondern – bei vielen Superstars der Klassik und bei ihren Plattenfirmen und PR-Agenturen – auch um das Spektakel: das Höher, Weiter und Schneller der Klassik!

Klassik im Event- und Medienzirkus

Also: Muss sich die Klassik wirklich wundern, wenn sie in diesen Tagen als Unterhaltungsindustrie wahrgenommen wird? Das neue Album von Roberto Alagna heißt übrigens „Le Chanteur“ – darauf: französische Chansons! Okay, okay – ich hör ja schon auf. Ist ja auch alles nicht neu: Die Herren Prey und Kollo haben in den 70er Jahren neben Wagner auch Wanderlieder gesungen und auch Caruso, Lanza und Pavarotti konnten neben Hohen C auch den hohen Schmäh!

Lebendige Gassenhauer verkaufen sich nun Mal besser als die Gesamteinspielung der „Toten Stadt“. Und, ja, sogar der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk macht da zuweilen mit und will – wie sagt man das? Besonders „flott" sein: Es ist nicht immer leicht, beim OPUS-Klassik, im ZDF moderiert von Thomas Gottschalk, das Gute, Hohe und Hehre ausfindig zu machen!

Ist Unterhaltung denn so schlimm?

Aber was ist eigentlich so schlimm daran, die Menschen zu unterhalten? Stolz darauf zu sein, dass Kunst – im Sinne Walter Benjamins – nicht allein der Sammlung, sondern auch der Zerstreuung dienen kann? Warum führen wir diese zutiefst deutsche Debatte schon wieder?

Vielleicht ist das Selbstverständnis der Klassik in Wahrheit ihr größtes Problem: sich über andere zu erheben, sich selbst zu wichtig zu nehmen! Gibt es eine seriöse Abwägung, was wichtiger, besser oder gar lebensnotwendiger ist: Geigespielen oder Boxen? Sind Sport – und damit die Mucki-Bude um die Ecke – nicht ebenso wichtig wie Musik und das städtische Theater?

Raus aus dem Elfenbeinturm

Vielleicht ist ja nur die Argumentation falsch: Kunst, Kultur und die Klassische Musik sind eben auch deshalb relevant, weil sie uns nicht nur inspirieren und fordern, sondern auch unterhalten und für eine Ablenkung sorgen. Und das ist ja nicht wenig – gerade in diesen Tagen.

Glosse Jonas Kaufmanns Amazon-Doku: Selbstinszenierung in Weichzeichner-Optik

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