Kommentar

Brüggemanns Klassik-Rückblick 2021

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Das Jahr 2021 war wieder ein spannendes Jahr für die Kultur. Spontanität war oft gefragt und tatsächlich konnte eine ganze Menge wieder stattfinden. Was wie funktioniert hat, weiß unser Kolumnist Axel Brüggemann, der uns sein persönliches „Klassikjahr“ mit den Musikereignissen vorstellt.

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Musiker*innen in Impfzentren und auf Corona-Demos

Das war’s also. Das Jahr 2021. In der Kultur mal wieder geprägt von Absagen, Impfzoff und Umbuchungen, kurz: von Corona. Aber da haben wir im zweiten COVID-Sommer ja fast schon Routine.

Also bringen wir dieses Thema gleich am Anfang hinter uns: Musikerinnen und Musiker haben sich in Impfzentren engagiert, andere gegen Impfungen und die Corona-Politik demonstriert – Musik ist eben auch nur ein Spiegel unserer Gesellschaft.

Ärgerlich: Manche Intendanten haben festgestellt, das geschlossene Häuser lukrativere Häuser sind und: neue Vertragsformen, die Soloselbständige schützen könnten wurden noch immer nicht erfunden.

Ein fast normaler Festspiel-Sommer: Salzburg und Bayreuth

Aber der Sommer stimmte optimistisch. Wenigstens die Festspiele waren am Start: Salzburg mit einem splitternackten Don-Giovanni-Spektakel (Basketbälle, Klaviere und Autos plumpsten aus dem Schnürboden).

Überhaupt: Die Sache mit dem öffentlichen Eros schien 2021 ansteckend zu sein. Erstaunlich viele Klassik-Künstlerinnen und Künstler hab sich entkleidet auf ihren Instagram-Profilen gezeigt. Ein bisschen Six-Pack-Pubertät in der Musik – vielleicht hilft es ja!

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Auch die Bayreuther Festspiele haben diesen Sommer die Tore geöffnet und einen super sicheren Sicherheitskonzept bereits im Juli – 2G-Plus-Plus, also Plus PCR-Test und Plus tagesaktuellem Corona-Test – erfunden. Katharina Wagner ist quasi der Karl LauterBACH der Klassik! Hinter den Bayreuther Kulissen schienen nicht einmal Kopfläuse eine Chance zu haben.

Und im Graben gab es eine Jahrhundert-Neuerung: Zum ersten Mal dirigierte mit Oksana Lyniv eine Frau im „Mystischen Abgrund“. Dafür stattete ein alter weißer Mann, der Blut-Künstler Herrmann Nitsch, die „Walküre“ mit allerhand Farbe und Plitsch-Platsch aus.

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Kein gutes Jahr für Günter Groisböck und Christian Thielemann

Verlierer des Jahres – und wir reden hier nicht über Corona: Bass-Bariton Günter Groisböck. Wagners Weltengott Wotan war doch etwas zu groß für ihn, nun singt er wieder als ganz normaler Mensch weiter – auch gut. Dirigent Christian Thielemann schien ebenfalls lange wie ein Verlierer des Jahres: Salzburg weg, Bayreuth weg, und dann auch noch Dresden weg.

Als er neben mir in meinem Wagner-Film im Kino saß, mampfte er zufrieden zwei Packungen Popcorn und schien vollkommen im Reinen mit sich zu sein: Man muss eben nicht unbedingt Chef sein, um gute Musik zu machen! 

Ach ja, und dann war da noch der Fußball: Europameisterschaft 2021 ohne Maske und doppelten Boden – ein Beweis, dass Kultur noch lange nicht die Freiheiten des Sportes hat. Europameister wurde übrigens – und da habe ich mich gefreut – die Quadra Azzura von Giuseppe Verdi!

Eine neue Kulturstaatsministerin

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Am Ende des Jahres wurde dann alles anders: Wahl, neue Regierung – das ging Zack-Zack. Kulturstaatsministerin Monika Grütters wurde von der Horn-Gruppe der Berliner Philharmoniker aus dem Amt gejagt, und nun regiert Ton-Steine-Scherben-Managerin Claudia Roth. Wird die Klassik nun so politisch korrekt wie der neue James Bond?

Roberto Blanco hat 2021 jedenfalls schon versucht, Beethoven als Person of Color zu installieren. Oksana Lyniv war – wie gesagt –  die erste Frau in Bayreuth, aber so richtig weiter geht es mit den Künstlerinnen noch nicht: Joanna Mallwitz wurde erst einmal beim Konzerthausorchester in Berlin - böse gesagt - „abgestellt“, den Traumjob (Chefdirigent beim Bayerischen Rundfunk) bekam dagegen ein ganz alter, sehr weißer Mann – einer mit Locken.

Grundlegende Veränderungen stehen noch aus

2021 – das Jahr, in dem die Klassik sich viele neue Fragen gefallen lassen musste. Kann es weiter gehen wie immer? Oder müssen sich Strukturen, Rollenbilder und Programme grundlegend ändern? Ich freue mich jedenfalls auf 2022 – da gibt es vielleicht endlich einige Antworten.

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