STAND

Im März infizierten sich bei einer Probe des Berliner Domchors mehr als 50 Mitglieder mit dem Corona-Virus. Experten empfehlen bisher, gemeinschaftliches Singen in Räumen zu vermeiden - auch in Gottesdiensten. Eine Untersuchung der Bundeswehr-Uni München kommt nun aber zum Ergebnis, dass eine Coronainfektion beim Chorsingen "äußerst unwahrscheinlich" sei.

Kirchenchor (Foto: SWR)
Auch für den Bachchor Karlsruhe gilt: Beim Singen im Kirchenchor wird tief ein- und ausgeatmet. Sind Infektionen mit Coronaviren aber wahrscheinlicher als bei gemeinsamem Schweigen?

Die Münchner Bundeswehr-Universität hat das Corona-Infektionsrisiko beim gemeinsamen Singen untersucht. Anhand strömungsmechanischer Experimente kamen die Forscher zum Ergebnis: Es hält sich stark in Grenzen, wie die Uni am Donnerstag, 7. Mai, mitteilte. Bei den Experimenten mit professionellen Sängern habe sich eindeutig gezeigt, dass die Luft beim Singen nur im Bereich eines halben Meters vor dem Mund in Bewegung versetzt werde, unabhängig von Lautstärke und Tonhöhe. Eine Virusausbreitung über diese Distanz hinaus sei "äußerst unwahrscheinlich."

Audio herunterladen (10,7 MB | MP3)

Singen ist kein Niesen oder Husten

Die Forscher zeigten sich vom Ergebnis wenig überrascht. Schließlich werde beim Singen kein großes Luftvolumen stoßartig ausgestoßen wie beim Niesen oder Husten. Trotzdem sei ein Sicherheitsabstand in einem Chor oder einer Kirche von 1,5 Metern ratsam und eine versetzte Aufstellung der Sänger empfehlenswert, um einer Tröpfcheninfektion vorzubeugen. Für einen sicheren Musikbetrieb seien auch die Raumgröße und eine gute Belüftung wichtig.

Die Untersuchungen der Bundeswehr-Universität

Kein Gesangsunterricht und Kirchengesang

Bisher galt das Risiko einer Ansteckung mit Corona-Viren beim gemeinschaftlichen Singen unter anderm nach Ansicht der Deutschen Stimmklinik als besonders hoch. Begründet wurde dies damit, dass es zumeist in geschlossenen Räumen stattfindet und die ansteckenden Tröpfchen beim Singen besonders weit fliegen und tiefer in die Lunge eindringen. Dieser Ansicht folgend ist daher an den Baden-Württembergischen Musikschulen noch kein Gesangsunterricht erlaubt und bei Gottesdiensten der Gemeindegesang in manchen Bundesländern untersagt.

Singt dem Herrn kein neues Lied

Unabhängig von den Ergebnissen der Bundeswehr-Uni darf nach Ansicht des Nagolder Kirchenmusikdirektors Peter Ammer das derzeitge Singverbot für Kirchgänger nicht zur Regel werden. Der evangelische Gottesdienst lebe vom Gesang der Gemeinde, der Teil der Verkündigung ist, sagte der Vizepräsident des Verbandes Evangelischer Kirchenmusiker*innen in Deutschland (VEM) im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst am 5. Mai. "Eigentlich wird ohne Gemeindegesang der evangelische Gottesdienst ad absurdum geführt."
Seit kurzem ist es zwar erlaubt Gottesdienste zu feiern, der Gemeindegesang ist in Baden-Württemberg aber verboten. In anderen Bundesländern ist dies dagegen mit Einschränkungen erlaubt. Natürlich müssten die Hygiene-Regelungen konsequent durchgeführt werden, um eine Ausbreitung des Virus zu verhindern, weiß Ammer. "Und trotzdem führt es bei mir zu Unmut, wenn Bundesländer mit ähnlichen Fallzahlen wie Bayern singen dürfen und wir nicht."

Kirchenmusik ist nicht systemrelevant

Die Kirchenmusiker sahen sich vor Corona als systemrelevant für einen Gottesdienst - und müssen jetzt feststellen, dass sie es nicht sind, ja sogar durch ihre Chorarbeit als systemgefährdend gelten. "Das ist bitter." Außerdem prognostizieren viele, dass sich die Chorlandschaft durch die Pandemie radikal verändern wird. Manche Chöre werden wegbrechen, andere werden ihr Niveau nicht halten können, befürchtet der Kirchenmusiker.

Gespräch Singen im Chor ab Juni? Freiburger Institut für Musikermedizin empfiehlt zwei Meter Abstand

Bei einer Wiederaufnahme von Chorproben nach Aufhebung des Verbots ab Anfang Juni sei ein Abstand von zwei Metern beim Chorsingen empfehlenswert, so Bernhard Richter vom Freiburger Institut für Musikermedizin in SWR2 zur Auswertung neuerer Studien zur Verbreitung des Coronavirus. Das Institut empfehle außerdem Singen in möglichst hohen und großen Räumen wie beispielsweise Kirchen. Auch eine möglichst gute Durchlüftung senke das Risiko beträchtlich. Am besten sei natürlich Singen im Freien, weil die freigesetzten Aerosole dort nahezu immer sofort unschädlich gemacht würden. Vollständig ausschließen lasse sich ein Risiko aber auch nicht unter Beachtung aller Vorsichtsmaßregeln.
Prof. Bernhard Richter ist einer der Leiter des Instituts für Musikermedizin an der Universitätsklinik Freiburg, HNO-Arzt und selbst Sänger.
Chorsingen gilt als riskant wegen der möglichen Verbreitung des Coronavirus durch Aerosole. Viele ältere Sängerinnen und Sänger gelten außerdem als besonders gefährdet. Bis Anfang Juni gilt noch ein Verbot für Chorproben.  mehr...

SWR2 Kultur aktuell SWR2

Ulmer Dekan zu Corona-Maßnahmen "Gottesdienste müssen künftig berührungsfrei ablaufen"

Gottesdienste sind ab Montag in Baden-Württemberg wieder erlaubt. Die Gläubigen müssen aber den Mindestabstand beachten und dürfen nicht gemeinsam singen. In den evangelischen Kirchen, wie etwa im Ulmer Münster, gelten nahezu die gleichen Regeln.  mehr...

SWR Aktuell Baden-Württemberg mit Dreiland Aktuell SWR Fernsehen BW

Musikthema Chorsingen in Coronazeiten: Eine Reportage aus dem Mainzer Dom

Da in der Coronakrise weder geprobt noch Konzerte gegeben werden können, ist eine virtuelle Chorbewegung entstanden: Jede*r Sänger*in filmt sich zuhause beim Singen seiner eigenen Chorstimme und am Ende wird alles zusammengesetzt. Auch am Mainzer Dom hat man ein solches Projekt auf die Beine gestellt, nur dass die Sänger*innen trotz Corona im Kirchenraum zusammenkamen - eben alle nacheinander. Unsere Autorin Eva Hofem ist Teil der Domkantorei in Mainz und berichtet, was es für eine*n Laiensänger*in bedeutet, ohne die Kolleg*innen zu singen.  mehr...

SWR2 Treffpunkt Klassik SWR2

Corona-Forschung Nach Amsterdam nun auch in den USA: Coronainfektion beim Chorsingen mit tödlichen Folgen

Sänger*innen und Chöre warten auf verlässliche Einschätzungen des Infektionsrisikos beim Singen. Experimentellen Untersuchungen stehen dokumentierte Todesfälle nach Massenansteckungen im Choralltag entgegen - wie jetzt nach einer Chorprobe in den USA.  mehr...

STAND
AUTOR/IN