Live-Aufnahmen aus dem Gran Teatro La Fenice von 2006 Doppel-CD "La Fenice" von Keith Jarrett

Von Johannes Kaiser

Das unlängst veröffentlichte Venedig-Konzert aus dem Jahr 2006, eines der raren Solokonzerte, die er nach seinem Zusammenbruch 1996 gegeben hat, ist passend zur außergewöhnlichen Verleihung des Goldenen Löwen erschienen. Auf dem 62. Internationalen Festival für zeitgenössische Musik, der Biennale von Venedig, hat er am 29. September 2018 die erste Auszeichnung dieser Art für einen Jazzmusiker erhalten.

Standards als eigene Kompositionen behandeln

Stella by Starlight – ein Klassiker des Great American Songbook – tausendfach kopiert, ein absoluter Lieblingstitel amerikanischer Musiker, zugleich ein Standard, über den zahlreiche Jazzmusiker improvisiert haben und zu denen hat sich mehrfach auch Keith Jarrett mit seinem Trio gesellt hat. Hier allerdings haben wir ihn in einer Soloversion aus dem Jahr 2006 gehört.

Auf die Frage, warum er immer wieder Standards aufgreift, sagt er: „Zuerst einmal sind sie alles andere als Standards, wenn man heutige Standards nimmt. Sie sind außergewöhnlich. Es gab einmal eine Zeit in der amerikanischen Geschichte, in der vieles plötzlich aufkam, insbesondere in der populären Musik. Diejenigen, die sie verfassten, wussten, wie man tatsächlich gute Melodien schreibt.“

Auf seiner vor kurzem erschienenen Doppel-CD, 2006 im berühmten Saal des Gran Teatro in Venedig aufgenommen, findet sich neben dem ebenfalls bekannten Standard "My wild irish rose" auch der eher unbekannte Song "The sun whose rays" aus der selten gespielten Operette "The Mikado".

Wer Keith Jarrett kennt, weiß, dass er niemals einen Titel 1 zu 1 nachspielen würde. Er nimmt sie stets nur als Ausgangsmaterial für lange Improvisationen mit kurzen Erinnerungsnoten, macht sie sich zur eigenen Komposition. Ein weiteres Stück aus der Doppel-CD, "Blossom", ist eine Solovariante einer alten Quartettkomposition. Die übrigen acht Stücke sind ein bunter Reigen reiner Improvisationen, zwischen dreieinhalb und knapp achtzehn Minuten lang. Damit unterscheidet sich dieses Konzert mit seinen relativ kurzen Solostücken durchaus von früheren Solokonzerten mit ihren oftmals ausufernden Improvisationen.

Aus Erfüllung Klang machen

Auch das ist typisch für Keith Jarrett: Anklänge an Blues, Erinnerungen an Klassisches, freie atonale Passagen, rasante Läufe, brachiale Akkordkaskaden, Pianissimopassagen. Keith Jarrett durchläuft, manchmal hat man den Eindruck angesichts seines leisen Stöhnens durchleidet, seine Musik beim Erschaffen, und er schöpft dabei aus der gesamten Musikgeschichte, geht völlig in ihr auf. Nichts ist ihm fremd.

Auf die Frage, was ihn dabei vorantreibt, bewegt, antwortete er: „Ich versuche über die richtige Art nachzudenken, mich auszudrücken. Ich spüre in dem Augenblick eine potentielle Unbegrenztheit. Ob das nun stimmt oder nicht, spielt keine Rolle, denn ich muss Noten wählen. Und es geht darum, wie ich an den Punkt gelange, an dem ich mich vollkommen fühle. Und wenn man von einem bestimmten Gefühl total erfüllt ist, dann muss man daraus einen Klang machen.“

Ein Unikat auf CD

Nein, keine Studioaufnahme könnte mit dem Liveauftritt des Pianisten mithalten. Jeder Abend ist ein absolutes Unikat, mit nichts Vorherigem vergleichbar, stets aufs Neue ein Abenteuer für Musiker wie Publikum. Leider sind diese Konzerte ein allzu seltenes Ereignis eines Musikers, der seit seinem Zusammenbruch in den neunziger Jahren Solokonzerte weitgehend meidet. So ist man auch dieses Mal dankbar, dass wieder ein älterer Mitschnitt aus dem Archiv des Plattenlabels auftaucht und jetzt auf CD gebannt wurde. Keith Jarrett in Hochform – ein absolutes Muss.

CD-Tipp am 7.12.2018 aus der Sendung "SWR2 Journal am Mittag"

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