STAND
AUTOR/IN

Die Coronakrise macht Musikerinnen und Musikern zu schaffen – für Freischaffende wird es allmählich eng. Statt Üben heißt es Anträge ausfüllen und das nicht selten umsonst. Die Kulturstaatssekretärin Monika Grütters befeuert den Unmut der Kulturschaffenden noch mit unnötigen Kommentaren. Jetzt heißt es in der Kulturszene: zusammenhalten – in der Krise und danach, denn wenn gespart werden muss, dann ist die Kultur für Bürokrat*innen gefundenes Fressen. Axel Brüggemann mit einem Kommentar.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
10:05 Uhr
Sender
SWR2

Corona: Fatale Folgen für die Künstler*innen

Sicher ist allein die Unsicherheit. Egal, wie es in der Corona-Krise weitergeht: Theater, Opern und Orchester waren die ersten, die von den Schließungen betroffen waren. Und sie werden die letzten sein, die von Lockerungen profitieren werden.

Die Theatersaison ist abgesagt und der Festspielsommer fällt aus. Wie soll das auch gehen mit 2.000 – vorwiegend älteren – Zuschauer*innen im Bayreuther Festspielhaus, wenn nach drei Stunden „Ring“ in Reihe 17, Platz 12 jemand anfängt zu husten. Das wäre eine Götterdämmerung der Wagnerianer! Fatal die Folgen für die Künstlerinnen und Künstler.

Die Corona-Krise trifft alle Musikerinnen und Musiker

Zum einen die Festangestellten: Orchester- und Ensemblemitglieder. Die meisten von ihnen werden – wie andere Berufe auch – in Kurzarbeit geschickt. Das bedeutet: mehr als das Üben für den Tag X ist nicht mehr drin. Immerhin wird das Gehalt in Teilen gezahlt.

Härter trifft es die freien Künstler*innen: Egal, ob es sich um den Star-Geiger handelt, der jeden zweiten Abend auf 20.000 Euro Gage verzichten muss, oder um die Harfenistin, die sich seit Jahren für 350 Euro pro Auftritt irgendwie durchschlägt.

Es wären mutige Bürokraten nötig

Für alle gilt von heute auf morgen: Keine Musik. Kein Geld. Und Kulanz ist eher selten. Auch wegen der offenen Rechtslage: Theater haben zwar genug Geld – sie verfügen schließlich über ihren Jahresetat. Aber das Zuwendungsrecht besagt: es darf nur ausgezahlt werden, wenn auch gespielt wird. Geld gibt es nur gegen Gegenleistung.

Jetzt wären mutige Bürokrat*innen in den einzelnen Regionen nötig, um den Intendant*innen die Freiheit zu geben, nicht singende Sänger*innen und nicht musizierende Musiker*innen trotzdem zu bezahlen. Das passiert aber meistens nicht.

Hilfe für Künstler pro Bundesland unterschiedlich

International handhaben die Häuser die Situation unterschiedlich: Das Münchner Volkstheater zahlt 80 Prozent der Gagen, hundert Prozent überweisen die Häuser in Hof oder Münster – und international in Basel, Kopenhagen oder London. Paris zahlt läppische Teilbeträge, viele, ja, die meisten Häuser aber zahlen: gar nichts!

Kulturstaatssekretärin Monika Grütters hatte angekündigt, dass freien Künstler*innen unbürokratisch geholfen würde. Wie gut das ging, hing von den Bundesländern ab, ebenso wie die Höhe der Hilfen: 1.000 oder 3.000 Euro.

Zu viel Bürokratie und eine umstrittene Kulturstaatssekretärin

Fakt ist, dass bei vielen Künstler*innen die Kriterien nicht greifen, weil die Formulare zu bürokratisch sind. In Berlin schien es gut zu funktionieren, in Hessen weniger. In der Theater- und Musikszene herrscht blanke Panik – auch, weil niemand absehen kann, wann der Spuk vorbei ist. Und es ist kontraproduktiv, dass Grütters sich lieber als Schirmherrin der privaten Orchesternothilfe an der Seite von Star-Dirigent Kirill Petrenko in Szene setzt, statt ihre großen Worte auch politisch durchzusetzen.

Und nun hat sie auch noch die Wut vieler freier Künstler*innen auf sich gezogen, als sie feststellte, dass viele auch vor Corona eher schlecht als Recht von der Kunst gelebt hätten. In den sozialen Medien wird Grütters – nicht ganz zu Unrecht – vorgeworfen, sich gern im Ruhm anderer zu sonnen und die prekären Künstler*innen zu ignorieren.

Kulturstaatssekretärin Monika Grütters (rechts) mit Schauspielerin Hellen Mirren bei der Berlinale 2020 (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Nicole Kubelka/Geisler-Fotopress)
Kulturstaatssekretärin Monika Grütters (rechts) mit Schauspielerin Hellen Mirren bei der Berlinale 2020 Nicole Kubelka/Geisler-Fotopress

Wird die Kultur als erstes aufgegeben?

Anspannung, Existenzangst, Unsicherheit und Offenheit – all das fördert den Riss, der durch die Kulturszene geht: Plötzlich heißt es Freie Künstler*innen gegen festangestellte Künstler*innen. Gerade jetzt aber wäre Zusammenhalt wichtig: große Häuser wurden lange vor Corona zusammengespart – sie sind auf freie Künstler*innen angewiesen.

Alle sitzen in einem Boot – und mit ihnen das Publikum. Nach Corona – wenn die Haushalte leer sind – steht Kultur erfahrungsgemäß als erstes auf der Abschussliste. In Österreich werden bereits runde Tische gefordert, um über die zukünftigen Anstellungsverhältnisse von Künstler*innen zu debattieren, immer größer der Ruf – auch in der deutschen Kulturszene – nach einem bedingungslosen Grundeinkommen.

Wir müssen zusammenhalten

Wir wären gut beraten, jetzt in der Krise diese großen Fragen zu beantworten – denn eines ist sicher: die Zukunft der Kultur wird eine andere sein. Und es wäre fatal, wenn die Künstler*innen dann ohne Visionen und zerstritten da stünden.

Künstler*innen in der Corona-Krise Existenzbedroht durch die Corona-Krise: Künstler*innen und Kulturinstitutionen

Freischaffende Künstler*innen sind von der Coronakrise existenziell bedroht. Welche Hilfsangebote gibt es, welche Hilfe sehen die Bundesländer Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz jeweils vor?  mehr...

STAND
AUTOR/IN