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Abgesagte Pilotprojekte, Frust über Politiker*innen und Existenzängste: In vielen kulturellen Problemfragen wird zur Zeit ein wichtiger Faktor außen vor gelassen — das Publikum. Axel Brüggemann hat recherchiert, wie viele Menschen auf Kartenrückerstattung verzichtet oder aktiv gespendet haben. Die Zahlen sind erstaunlich und machen Mut.

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Viel Frust um die Kulturbranche — aber stimmt das pessimistische Bild?

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, ich finde: Es ist gerade ziemlich viel Lamento. Zum Teil durchaus verständlich: Keine Aufführungen von Konzerten und Opern, selbst Pilotprojekte wie in Berlin werden aufgrund von Inzidenzzahlen erst einmal auf Eis gelegt.

Der Frust steigt: Böse Politik, Deutschland, eine Gesellschaft, in der Klassik keine Rolle mehr spielt – und das Publikum, ja, wo ist das eigentlich? Warum steht es nicht auf? Protestiert für die Künstler*innen? Immer die gleichen Fragen, die durch Instagram, Twitter und Facebook geistern.

Die Kultur hat es während der Corona-Pandemie besonders schwer. Es gibt aber auch positive Zeichen: SWR2 Kolumnist Axel...Posted by SWR2 on Thursday, April 1, 2021

Wie viele Menschen haben die Konzerthäuser unterstützt?

Abgesehen davon, dass ich grundsätzlich finde, dass Kunst sich am besten durch Kreativität und Begeisterung in die Mitte der Gesellschaft stellt, wollte ich es genauer wissen: Stimmt das pessimistische Bild überhaupt? Spielt Kultur wirklich keine Rolle für die Menschen? Und kommt das Publikum am Ende etwa nie wieder zurück in die Konzert- und Opernhäuser? 

Ich habe direkt bei Konzerthäusern in Deutschland nachgefragt. Wie viele Menschen haben auf die Rückerstattung ihrer Eintrittskarten verzichtet oder gespendet? Wie treu sind die Klassik-Fans wirklich? Das Ergebnis, so viel sei verraten, war erstaunlich!

Verzicht auf die Rückerstattung von Tickets und Hilfsfonds — Mittel für die Künstler*innen

Spitzenreiter ist die Elbphilharmonie in Hamburg: 6.750 Kartenkäufer*innen haben auf die Rückerstattung ihrer Tickets verzichtet. So kamen 450.000 Euro zusammen. Oben drauf nochmal 440.000 Euro an Spenden für den Elbphilharmonie-Hilffonds. Das Geld ging 1:1 an die Künstler*innen, die Engagements in Elbphilharmonie oder in der Laeiszhalle nicht wahrnehmen konnten. 

Ganz anders die Strategie im Festspielhaus Baden-Baden. Hier hat man bewusst um Spenden für das Haus geworben. Rund 1400 Besucher*innen verzichteten auf eine Rückerstattung, viele Eintrittskarten wurden in Gutscheine umgewandelt – insgesamt kam man in Baden-Baden auf rund 600.000 Euro Ticket-Spenden.

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Das Publikum in Baden-Baden ist eine existenzielle Säule in der Corona-Krise

Sie flossen – anders als in Hamburg – direkt ins Haus, immerhin hatte Baden-Baden 2020 ein Einkommens-Verlust von über 80 Prozent zu decken. Das Publikum war dabei eine existenzielle Säule. Und das Positive, so erklärte es mir Intendant Benedikt Stampa: Viele Eintrittskarten-Spender wurden neue Mitglieder im Freundeskreis. 

Mischformen wählten die Kölner Philharmonie und die Tonhalle Düsseldorf. Hier verzichteten 1.309 Kund*innen auf eine Rückerstattung – insgesamt gingen 250.000 Euro Spenden ein. Man konnte wählen, ob das Geld ans Haus oder an die Künstler*innen gehen sollte.

Rund 180.000 Euro wurden der Tonhalle gespendet (ein Zeichen dafür, dass Veranstalter*innen in Deutschland eine enge Bindung zu ihrem Publikum haben), 70.000 Euro gingen an die freischaffenden Musiker*innen. Das Geld wurde in der Sommerpause ausgezahlt.

In vier Konzerthäusern in Deutschland kamen insgesamt zwei Millionen Euro zusammen

Das sind nur vier Häuser, aber das Publikum half allein hier mit über zwei Millionen Euro! Klar, man könnte nun wieder pessimistisch sein und sagen: Das wäre eigentlich Aufgabe des Staates. Aber man könnte es auch als positives Zeichen sehen: Es stimmt einfach nicht, dass Kultur unbedeutend für die Menschen ist. Es stimmt einfach nicht, dass Konzertgänger*innen sich nicht für ihre Häuser und die Künstler*innen engagieren.

Zu den Gästen von Konzerten gehören unter anderen auch Gastwirt*innen, Frisör*innen oder Reisebüro-Unternehmer*innen. Sie kämpfen gerade um ihre eigene Existenz und zeigen doch, dass sie auch an die Kunst und die Künstler*innen denken.

Viele Menschen schätzen Kultur „wert“

Vielleicht wäre es vor dem nächsten Lamento ganz gut, sich diese Zahlen noch einmal klar zu machen: Die Kuturschaffenden dieses Landes leben in einem Land, in dem viele Menschen sie, im wahrsten Sinne des Wortes, wertschätzen. 

Ja, es geht gerade um alles. Und ja, es werden viele Fehler gemacht. Der größte wäre es allerdings, das Publikum als Sprachrohr, Unterstützer und – im wahrsten Sinne, als Freund, links liegen zu lassen. Im Gegenteil: Die Spendenbereitschaft des deutschen Publikums könnte Rückenwind im politischen Kampf der Kultur um mehr Aufmerksamkeit sein.

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