Album-Tipp

Kaleidoscope Chamber Collective mit Werken von Felix und Fanny Mendelssohn

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AUTOR/IN
Susanne Stähr
Susanne Stähr (Foto: Pressestelle, Susanne Stähr)

Felix und Fanny Mendelssohn: Beide waren sie hochbegabt, beide haben sie komponiert. Doch während er bald zu einer Berühmtheit aufstieg, blieb sie in seinem Schatten und durfte ihre Werke nicht publizieren. Komponistinnen hatten im 19. Jahrhundert fast keine Chancen. Selbst Felix, der seine Schwester über alles schätzte, behauptete: „Zu einer Autorschaft hat Fanny, wie ich sie kenne, nicht das Zeug. Dazu ist sie zu sehr eine Frau.“ Aber stimmt das wirklich? Das Kaleidoscope Chamber Collective hat für Chandos Kammermusik der beiden Geschwister aufgenommen. Und Susanne Stähr, die sich die neue CD angehört hat, meint, dass Fanny als Gewinnerin aus dem Gipfeltreffen hervorgeht.

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Begabte Komponistin

Wenn von der Komponistin Fanny Hensel die Rede ist, folgt fast immer der Zusatz: Felix Mendelssohns ältere Schwester. Als ob sie nicht für sich selbst bestehen könnte. Was für ein Irrtum, wie ihr Klaviertrio zeigt. Das Kaleidoscope Chamber Collective hat es eingespielt.

Diese Interpretation beweist, dass Fanny Hensel keine verkapselte Salonexistenz war, sondern mit Leidenschaft in die Welt hinausstürmte. Der Pianist Tom Poster, die Geigerin Elena Urioste und die Cellistin Laura van der Heijden spielen Fannys Trio mit einem Zug ins Orchestrale, weg vom Heimlichen und Häuslichen: als Musik der weiten Räume und großen Bögen.

Musikverwandschaft: Brahms

Wenn man schon unbedingt vergleichen will, dann sollte man bei diesem Trio nicht an Fannys Bruder Felix, sondern eher an Johannes Brahms denken. Mit Brahms teilt Fanny Hensel den Hang zu einer gewissen Melancholie und zur Schwermut. Der kommt auch im zweiten Satz zum Tragen.

Diese Musik wirft einen Schatten, sie hat eine unterschwellige Traurigkeit. Auch weil das Kaleidoscope Chamber Collective sie so unsentimental spielt. Der Ton ist bedeckt und verschleiert, aber die Kantilenen wirken dadurch umso berührender. Sie scheinen die Welt in Frage zu stellen: eine Welt, die Fanny und ihrer Kunst keine Chance auf Anerkennung bot.

Vergleich zum Bruder

Ohne Zweifel: Hier geht es um todernste Dinge. Fanny Hensel komponiert einen radikalen Monolog, und sie wusste nicht, ob jemand das jemals hören würde. Vielleicht ist diese fundamentale Einsamkeit der größte Unterschied zur Musik ihres Bruders Felix Mendelssohn. In Felix’ frühem Klaviersextett wirkt der langsame Satz bei aller Seelenverwandtschaft doch ganz anders.

Auch Felix Mendelssohn schreibt ein melancholisches Adagio für sein Klaviersextett. Doch bei ihm gibt es immer eine Wendung zum Versöhnlichen: Die Schwermut wird durch Schönheit aufgefangen. Das Kaleidoscope Chamber Collective gestaltet diesen Wechsel der Stimmungen als apartes Spiel aus Licht und Schatten, delikat in der Ansprache, zart in der Intonation. Fannys Trio aber spielen sie als intensive Ausdrucksmusik.

Geschwisterliche Einigkeit im Finale

Im Finale des Klaviertrios greift Fanny Hensel manchmal sogar in die Zukunft voraus und trifft sich zum guten Schluss doch noch mit der Klangwelt ihres Bruders.

Das Kaleidoscope Chamber Collective bietet mit dieser Aufnahme ein überzeugendes Plädoyer für die Komponistin Fanny Hensel. Mit ihrer aufschlussreichen Gegenüberstellung der beiden Geschwister beweist die CD, das sich die so lange verkannte Fanny keineswegs hinter dem viel berühmteren Felix verstecken muss.

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