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Auch die privaten Streaming-Anbieter entdecken die Klassik für sich. Der Tenor Jonas Kaufmann ist der erste Klassik-Künstler, über den Amazon Prime eine exklusive Doku produziert hat, die nur dort zu sehen ist. Ist das PR oder gibt es einen Mehrwert, und was können wir in Zukunft von Netflix und Co. im Klassik-Bereich erwarten?

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Die Vielfalt im Angebot der Streamingdienste kann toll sein! Ich zum Beispiel habe damals auf Netflix eine Doku über einen Schwertwal geschaut. Einfach, weil der Film oben in der Leiste stand, gut aussah und ich eh Zeit hatte. Der emotionale Appell Tiere zu schützen, die in Gefangenschaft unberechenbar und aggressiv werden können. Die starken Bilder und Statements waren ein Zugang zur Welt der Orcas und des Tierschutzes in den Sea Worlds der USA.

Wer im Moment bei Amazon Prime unterwegs ist, bekommt ziemlich sicher einen Vorschlag ganz oben: Amazons erste Eigenproduktion in der Welt der Klassikdokus und sie heißt Jonas Kaufmann, ein Weltstar ganz privat. Nun ist der Tenor Kaufmann vielleicht noch ein etwas spezielleres Thema als ein Schwertwal, doch trotzdem spannend, wenn eine Klassik-Doku einmal so klickbar in den Lebensbereich einer riesigen Zuschauerschaft rückt.

Wenig Musik, viel Weichzeichner und keine Authentizität

Gibt es hier Einblicke in die spannende Welt der Musik, für Unbedarfte und Neugierige? Leider nein. Die Ernüchterung kommt schnell, weichgezeichnet und mit Pianogedudel. Gut 70 Minuten Musikschnipsel, und Slow-Mo-Bilder einer glücklichpolierten, bayrischen Familie. In O-Tönen verraten uns Kaufmanns Frau und dann (kein Scherz) sein Medienmanager, warum er ein toller Mensch ist.

Jonas Kaufmann kocht (Foto: Indi Herbst)
In der Dokumentation präsentiert sich Kaufmann als Familienvaster, der gerne am Herd steht. Indi Herbst

Die Causa Espressomaschine

Klavierbegleiter Helmut Deutsch wartet scheinbar immer abrufbar und treu im Musikzimmer, bis das Ehepaar fertig gekocht hat. Und das Interessanteste sowie Komplizierteste im Privatleben des Sängers, scheint seine Espressomaschine zu sein. Seltsam wird’s, wenn ein befreundetes Paar die Kaufmanns auf der Terrasse mit Seeblick besucht. Die lächeln überinteressiert und nicken um die Wette, während der Tenor geskriptete Fragen beantwortet. Die beiden sind praktischerweise auch gleich die Produzent*innen der Doku.

„Neugierige werden hier ihre eigenen Vorurteile einer oberflächlichen Klassikwelt bestärkt sehen"

Ja, noch nicht einmal die Musikbeiträge wirken echt. Über die ist offensichtlich derselbe Weichzeichner gelegt worden, der auch die Bilder zukleistert. Und mit allen Kanten hat man dann zur Sicherheit auch jegliche Individualität weggebügelt. Neugierige werden hier bei diesem „privaten Weltstar“ wohl vor allem ihre eigenen Vorurteile einer oberflächlichen und langweiligen Klassikwelt bestärkt sehen. Und selbst bei der treuen Kaufmann-Fanbasis auf Facebook gibt es kritische Stimmen.

Was also können wir in Zukunft erwarten von privaten Anbietern wie Netflix, Amazon und Disney mit Blick auf die Klassik-Nische? Im schlimmsten Fall: Wohl bald noch mehr PR-Filmchen und Selbstinszenierung von Künstler*innen. So ist es bei berühmten Fußballern ja bereits gang und gäbe.

...dann lieber Schwertwale

Bühne frei für Anna Netrebko, die zwischen Wiener Dachterrasse und Disneyland sicher viele Lebensweisheiten raushauen kann, oder Plácido Domingo, der auf seinem Anwesen über seine Lieblingsweine schwärmt. Klingt zu trashig? Nicht alle können sich eben, wie der Pianist Lang Lang, Ron Howard für die Lebensverfilmung leisten. Der Hollywoodregisseur hat zumindest den Mythos Pavarotti schon in emotionale, wenn auch pathetische Bilder gesetzt.

Eine Anregung hätte ich noch für die Dokus der Zukunft, die ja tatsächlich nicht immer den berühmten Bildungsauftrag erfüllen müssen: Lasst genug Raum für die Musik! Und ja, leider sind die Menschen dahinter nicht immer so spannend. Wenn, dann sollten sie ehrlich und frei sprechen, von ihren Ängsten, Träumen und Hoffnungen. Nicht von Espressomaschinen.

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