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Jacques Offenbach war einer der innovativsten Musikdramatiker seiner Zeit und als Kölner in Paris eine europäische Erscheinung von Rang. Das Buch „Jacques Offenbach. Ein europäisches Porträt“ von Ralf-Olivier Schwarz fasst den aktuellen Forschungsstand zusammen. Georg Beck hat es für uns gelesen.

Verzerrtes Offenbach-Bild

Alle kennen Jacques Offenbach. Fällt sein Name, weiß gleich jeder Bescheid. Auf die Bilder im Kopf ist Verlass. Man sieht geraffte Röcke, geschwungene Beine, hört spitze Schreie. Nur, mit dem historischen Offenbach, dem gebürtigen Kölner, dem gelernten Cellisten, dem Künstler, der in Paris einer der erfolgreichsten Komponisten des 19. Jahr­hunderts geworden ist - mit diesem Jacques Offenbach hat dies freilich nichts zu tun.

Um so mehr mit dem Aufkleber "Jacques Offenbach", mit dem Bild, das sich dank eines ganzen Jahrhunderts Vergnügungs- und Unterhaltungsindustrie über die Realität geschoben hat, mit dem Ergebnis einer veritablen Verzerrung, Verbiegung: Offenbach hoffnungslos zugemüllt mit Offenbach-Versatzstücken, worüber sich natürlich auch Ralf-Oliver Schwarz im Klaren ist.

Klare Worte, die im Offenbach-Buch von Ralf-Oliver Schwarz nur einen Fehler haben - sie kommen zu spät. Buchstäblich auf der letzten Seite wartet Schwarz mit dieser Klarstellung auf. In der Sprechblase steht: Ach, das hätte ich fast vergessen!

Die Art wie Schwarz sein Offenbach-Porträt anlegt, folgt einem Trend der Musiker-, der Künstlerbiographie wie sie in den letzten Jahren Usus geworden ist: Farbigen Abglanz liefern! Informativ sein, aber nicht vergessen, unterhaltsam zu sein! Der Autor bewerkstelligt dies, indem er sich ausgiebig bedient in der Lebensbeschreibung des Offenbach-Enkels Brindejoint-Offenbach, wozu man wissen muss: Als dieser zur Welt kommt, 1883, ist der Grand-Père bereits drei Jahre tot. Zu Recht hat die französische Offenbach-Forschung deswegen Fragezeichen gesetzt hinter den Quellenwert dieser Mitteilungen.

Apropos Quellen. Nur spärlich versorgt uns der Autor mit Informationen über die prekäre Offenbach-Quellenlage. Zu kurz kommen auch die Verweise auf die zahlreichen, im Internet kursierenden Web-Angebote zu Jacques Offenbach. Es gibt Einiges dazu. Nur, dass man diese nicht nur gern gelistet, sondern eben auch kritisch kommentiert sähe. Gerade hier stellt sich wissenschaftlichen Autoren ein riesiges Aufgabenfeld!

Sicher, "Jaques Offenbach - Ein europäisches Porträt" (wie diese 300-Seiten Biographie im Untertitel heißt) hat ihre unstrittigen Meriten: Stets hält uns Schwarz informiert, wenn er auf eine der 140 Bühnenwerke des Komponisten zu Sprechen kommt. Kompetent führt er uns durch all die Schleifen, parodistischen Verwechslungen, Verkleidungen wie sie Offenbachs Librettisten geliebt haben.

Spezielle deutsch-französische Liason

Und, der Autor hat einen Begriff von der Höhe dieses Offenbach'schen Musiktheaters, das in Paris, das in Wien die Herzen erobert hat. - Und er kennt auch die Zäsur in diesem Künstlerleben. Mit dem deutsch-französischen Krieg, dieser, wie Emile Zola schrieb, "furchtbaren Torheit", diesem "blutigen Wahnsinn", ist sie über Nacht perdu, die spezielle deutsch-französische Liason, die der nach Paris ausgewanderte Kölner Jude Jaques Offenbach mit seinem Leben, mit seinem Werk kreiert hatte. Von jetzt auf gleich war er hier auf einmal "L'Allemand", "der Deutsche", dort der "Vaterlandsverräter".

Offenbach kennt auch den antisemitischen Unterton. Er hat sich keinen Illusionen hingegeben, misstraute zutiefst dem Muff und Mief der kleinstädtisch geprägten deutschen Theaterlandschaft seiner Zeit. Als nach dem großen Erfolg seiner Operette "Orpheus in der Unterwelt" auch seine Geburtsstadt Köln Interesse zeigt, schreibt er dem Verleger. 

Buch-Tipp vom 5.6.2019 aus der Sendung SWR2 Treffpunkt Klassik

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