STAND
INTERVIEW

Vor 50 Jahren, am 6. April 1971, ist Igor Strawinsky im Alter von 88 Jahren gestorben. Fast sein ganzes Leben hat er dem Ballett gewidmet. Von „Feuervogel“ bis zum Skandalstück „Sacre“ - alle seine Ballette klingen anders, denn sie spiegeln seine unterschiedlichen Schaffensperioden wider. In einem Zeitraum von 40 Jahren reformierte Strawinsky das Ballet und schuf in Zusammenarbeit mit anderen Künstlern etwas Neues.

Audio herunterladen (16 MB | MP3)

Das Ballett seiner Kindheit - für Strawinsky zu versteinert und konventionell

Schon als Kind ist Strawinsky fasziniert vom Ballett, sieht in St. Petersburg die großen Tschaikowsky Ballette in den Choreographien von Marius Petipa - liebt das alles, spürt aber auch: diese Kunst ist versteinert, zu steif, zu konventionell.

Strawinsky kann sich selbst gar nicht vorstellen dafür etwas zu schreiben, fühlt sich weder animiert noch inspiriert. Nein, dazu bräuchte das Ballett ein anderes Vokabular an Ausdruck. mit neuen Sujets, einer neuen Ästhetik, neuer und anderer Musik.

Alles bisher Dagewesene im Tanz über Bord werfen

Dann trifft Strawinsky 1910 in Paris auf Sergej Diaghilev. Die Beiden kennen sich noch aus Russland, und haben sich jetzt ganz offensichtlich gesucht und gefunden. Diaghilev mit seinem Traum von einem zeitgenössischen Tanztheater, auf der Basis des klassischen Balletts, Strawinsky mit seiner revolutionären Tonsprache, gekoppelt an die musikalische Tradition.

„Mich überkam eine Sehnsucht mich diesem Kreis anzuschließen, dem engen Kreis zu entweichen, in den ich bis dahin eingeschlossen war. Mit Begierde ergriff ich die Gelegenheit, die sich mir bot.“

Igor Strawinsky, nachdem er die Tanzkompanie „ballett russes“ zum ersten Mal sieht

Die „Ballets russes“ bringen das alles zusammen, mit Mut zum Risiko, mit der Bereitschaft alles bisher Dagewesene im Tanz über Bord zu werfen. „Der Feuervogel“ wird das erste eigene Ballett von Strawinsky für die „Ballets russes“ und für Sergej Diaghliew. Es geht um altrussische Märchen und Mythen, aber Strawinsky garniert das Thema mit hochkomplexen Klangverschachtelungen und aggressiven Rhythmen.

Ballettabend in Heidelberg von 1961 - „Der Feuervogel“

„Der Feuervogel“ - Eine komplett überforderte Ballett-Kompanie

Die Tänzer*innen der „ballets russes“ sind damit jedenfalls komplett überfordert. Diese merkwürdige Musik sollen sie nun in Bewegung umsetzen, Musik, die sie nicht verstehen und auch nicht spüren. Bei den Proben gibt Strawinsky sein Bestes, erklärt die Rhythmen, spielt einzelne Passagen vor und versucht dabei, wie die Tänzer*innen es nennen, das „Klavier zu demolieren“.

Starballerina Anna Pawlowa verlässt entrüstet die Bühne, die wundervolle Tamara Karsawina springt für sie ein, übernimmt die Partie des Feuervogels, und wächst allmählich immer mehr zusammen mit der Gestalt, mit ihren Bewegungen und vor allem mit der Musik. Strawinsky ist bei den Proben immer an ihrer Seite.

Der Feuervogel wird der erste große Balletterfolg von Igor Strawinsky. Danach ist er wie im Rausch und schreibt weitere Ballette, Petruschka, und dann das Ballett aller modernen Ballette, „Le sacre du printemps“, eine einzige Provokation, choreographisch, aber vor allem auch musikalisch. 

„Le sacre du printemps“ - der größte Skandal der Theatergeschichte

An diesem 29.Mai 1913 erlebt das Pariser Theâtre des Champs-Elyseés mit „Le Sacre du Printemps“ den bis heute wohl größten Skandal der Theatergeschichte. Viel ist geschrieben worden über diese, wie es heißt, „Schlacht“, dieses „Erbeben“, diesen „titanischen Kampf“.

Igor Strawinsky wird damit nicht nur über Nacht berühmt, für ihn bedeutet dieses Ballett auch einen Meilenstein in seiner Entwicklung als Komponist. Überraschenderweise aber geht er diesen Weg der bedingungslosen Provokation erst mal gar nicht weiter, zumindest nicht in diese Richtung, Strawinsky schlägt eine Volte.

Strawinskys Auftakt zu einer Epoche der Klarheit

Nach der archaischen, der russischen, der provokanten Ära entsteht 1920 so etwas Heiteres, Zartes wie „Pulcinella“ - neapolitanisches Volkstheater im Geiste des italienischen Barocks. Bei Strawinsky ist der Neoklassizismus vor allem ein Austausch mit den Gedanken der griechischen Antike.

„'Apollon musagete' war mein weitester Schritt hin zu einem polyphonen Stil der langen Linien. Und obwohl das Stück einen völlig eigenen harmonischen und melodischen Charakter, vor allem aber eine sehr eigene Intervallstruktur besitzt, hat es viele spätere Werke inspiriert und beeinflusst.“

Igor Strawinsky, Komponist

Das „Ballet blanc“ - „Apollon musagete“

Apollon musagete ist ein ballet blanc: ein weißes Ballett, in Tüll und Tütü, mit klassischen Formen. Die Choreographie übernimmt ein gebürtiger Russe, der sich in Paris einen französischen Namen gibt und später als George Balanchine in den USA Karriere macht, als Leiter des legendären New York City Balletts.

Die Beiden inspirieren sich gegenseitig. George Balanchine, der Strawinsky maßlos bewundert, findet mit dieser Musik zu Bildern von fast überirdischer Schönheit.  Rhythmus, Melodie und Harmonie, sie werden sichtbar bei Balanchine, und die Klangfarben der einzelnen Instrumente.

Die letzten Ballette

Mit George Balanchine arbeitet Igor Strawinsky er noch einige Male zusammen und beendet damit für sich das Kapitel Tanz. Agon und Orpheus heißen seine beiden letzten Ballette, noch einmal mit dem Thema griechische Antike.

Besetzt sind nur Streicher und Harfe, am Schluss dann die Verherrlichung des Sängers Orpheus und der Ausblick auf eine hoffnungsvolle Zukunft. Strawinsky spielt die letzten Takte seinem Freund Nikolas Nabokov vor und erklärt dabei mit vielsagendem Lächeln:

„Hören Sie es? Das Harfensolo ist eine Erinnerung an Orpheus Gesang. Hier im Epilog klingt es wie eine Art Zwang, wie etwas Unaufhaltsames.  Orpheus ist tot, das Lied ist verklungen, aber die Begleitmusik geht weiter.“

Igor Strawinsky, Komponist

Zum 50. Todestag Igor Strawinsky als Dirigent und Komponist beim Südwestfunk

Igor Strawinsky war nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem neu gegründeten Südwestfunk und seinem Orchester verbunden, sowohl als Dirigent als auch als Komponist. Von 1951 bis 1957 leitete er in Konzerten und Aufnahmen das Orchester, und seine neue Ballettmusik „Agon“ erlebte bei den Donaueschinger Musiktagen 1957 unter seiner Leitung die deutsche Erstaufführung.  mehr...

SWR2 Treffpunkt Klassik SWR2

Gespräch Heidy Zimmermann über den Nachlass von Strawinsky: Auch die Partitur des „Sacre“ ist ein Momument

Vor 50 Jahren, am 6. April 1971, starb Igor Strawinsky in New York. Er war Zeitzeuge und einer der bedeutendsten Komponisten der Moderne. Strawinskys Nachlass liegt seit den 1980er Jahren in Basel und wird heute von Heidy Zimmermann kuratiert.  mehr...

SWR2 Treffpunkt Klassik SWR2

Tanz Ballett in Corona-Zeiten: Gauthier Dance und „The Dying Swans Project“

Aus der Not eine Tugend machen - diese Kunst beherrscht der Direktor des Theaterhauses Stuttgart, Eric Gauthier. In der Corona-Pandemie hat er die Produktion „The Dying Swans Project“ aus dem Boden gestampft: 16 internationale Choreographinnen und Choreographen haben sich Solos für jedes seiner Kompanie-Mitglieder ausgedacht.  mehr...

SWR2 Kultur aktuell SWR2

Gespräch Das Erbe der Tanz-Pionierin: Zum 80. Geburtstag von Pina Bausch

Als Pina Bausch 1973 das Tanztheater in Wuppertal übernahm, hat sie neue Maßstabe gesetzt. „Pina Bausch hat als Tänzerin choreografiert“, sagt Tanzwissenschaftlerin Gabriele Klein in SWR2. Sie habe die partizipatorische Arbeitsweise in den Tanz integriert und so die Stücke zum „Zuschauer hin geöffnet“.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

STAND
INTERVIEW