Buch-Tipp Mein Leben als Liedbegleiter

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Die Rollenverteilung bei den Interpreten des Liedgesangs ist nicht nur bezüglich des Honorars wenig ausgeglichen. In der Regel steht der Sänger im öffentlichen Rampenlicht, der Pianist hingegen wird auf die Rolle des Begleiters reduziert und dadurch automatisch in die zweite Reihe verbannt. Dabei verlangt der Beruf des Lied-Pianisten ganz eigene Qualitäten. Helmut Deutsch ist seit Jahrzehnten einer der erfolgreichsten Vertreter dieser Spezies. Jetzt hat er ein Buch geschrieben, Christoph Vratz hat es gelesen.

Helmut Deutsch und die Kunst des Liedes

„Wettbewerb“ – für Musiker ein oft heikler Begriff. Die einen sehen darin ein rein sportliches Kräftemessen ohne weiteren Aussagewert, die anderen werten ihr Abschneiden als klares Signal für die weitere Karriereplanung. Wie denkt aber jemand darüber, der selbst als junger Musiker an Wettbewerben teilgenommen hat und heute als Juror mit kritischem Auge den Nachwuchs bewerten muss:

Auftritte mit Jonas Kaufmann und Diana Damrau

Helmut Deutsch ist Pianist, Schwerpunkt Lied. Er macht in seinem neuen Buch „Gesang auf Händen tragen“ keinen Hehl daraus, wie unterschiedlich musikalische Vorträge mitunter auch innerhalb einer Wettbewerb-Jury bewertet werden. Natürlich eröffnet Deutsch seinen Band nicht gleich mit der Problematik von Wettbewerben. Darauf muss der Leser knapp 200 Seiten warten. Am Beginn steht eine persönliche Betrachtung, ein Rückblick auf den August 2018. Helmut Deutsch tritt mit Jonas Kaufmann und Diana Damrau im Großen Festspielhaus in Salzburg auf: Der Saal ist prall gefüllt, auf dem Programm das „Italienische Liederbuch“ von Hugo Wolf.

Zusammenarbeit mit Hermann Prey

Der Untertitel dieses Buches lautet „Mein Leben als Liedbegleiter“, und so blickt Helmut Deutsch anfangs auf die erste Zusammenarbeit mit Hermann Prey zurück. Mit dem Bariton hat er rund 200 Liederabende bestritten, obwohl Prey anfangs wenig Interesse an dem jungen Pianisten zeigte.

Erinnerungen an Matthias Goerne

Das Buch ist gespickt mit Erinnerungen und Geschichten. Vielen Sängern widmet Deutsch ein eigenes Kapitel, darunter Brigitte Fassbaender, Peter Schreier, Thomas Quasthoff, Barbara Bonney und Matthias Goerne.

Deutschs Äußerungen gegenüber den Kollegen sind stets von Respekt geprägt, auch wenn er einige ihrer Auffassungen offen kritisiert.

Neben diesen persönlichen Erinnerungen umfasst das Buch auch kleinere Kapitel rund ums Thema „Liedbegleitung“: Üben und Unterrichten, die spezifische Arbeit mit Sängern und die Kunst gute Programme zu entwerfen, Noten-Umblätterer und der Umgang mit der Presse. Einige dieser Betrachtungen bleiben, auch dank ihrer Kürze, etwas oberflächlich. Man hätte sich auch eine stärkere Selbstreflektion über den Wandel des Begleiters gewünscht, vom „Mann am Klavier“ hin zu einer ausdifferenzierten Typologie: hier der spezialisierte, oft wenig bekannte Begleiter, dort namhafte Solopianisten, die auch Liedsänger begleiten. Auch das Kapitel über die Zukunft des Liedgesangs bleibt leider etwas unverbindlich. Die Kurzweil dieses Buches beruht in erster Linie auf erzählten Erinnerungen und der fairen Offenheit, mit der Helmut Deutsch auf seine künstlerische Laufbahn zurückschaut.Buch-Rezension vom 20.03.2019 aus der Sendung SWR2 Treffpunkt Klassik

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