Sammlung unveröffentlichter Tagebucheinträge Ruppig, direkt, unbehauen

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Buchkritik vom 27.9.2017

Es ist der 13. April 1970, als der Name Nikolaus Harnoncourt erstmals über die Kreise der Originalklang-Bewegung hinaus bekannt wird. Der SPIEGEL aus Hamburg hatte ihn zum „Spiegel-Gespräch“ geladen ...

Und Nikolaus Harnoncourt, Anfang 40 und damals noch Cellist bei den Wiener Symphonikern unter Herbert von Karajan, antwortet munter drauflos. Sehr munter. Spricht von Karajans Schwulst, von Lorin Maazels „unechter Empfindsamkeit“, dem „muffigen Protestantismus“ Karl Richters, überhaupt Dirigenten: Viele von denen hätten einen musikalischen und moralischen Defekt. Auch Karajan wird da nicht ausgenommen. Aber ...

Der Artikel wird zum Skandal. Mit dem der junge Musiker damals nicht gerechnet hat, weil der Redakteur die Zitate allesamt aus dem vertraulichen Vorgespräch genommen hatte. Mit Herbert von Karajan hatte er es sich dadurch ein für allemal verdorben: „So lange ich lebe, kommt der nicht nach Salzburg“, soll er gesagt haben.

Ein Berufsweg, der mit dem Violoncello angefangen hatte. So erzählt es Harnoncourt jetzt in seinen sehr persönlichen, ursprünglich gar nicht für die Öffentlichkeit, sondern für die Familie gedachten Memoiren. Schon für den 14-Jährigen ist das Instrument ein Trost in verzweifelten Stunden. Später führt es ihn zum Studium nach Wien. Da lebt der junge Harnoncourt bald in verschiedenen musikalischen Welten. Einerseits die bürgerliche, offizielle. Er besteht ein Probespiel bei den Wiener Symphonikern, wird zu einem von Karajans Lieblingsmusikern. Unterhaltsam erzählt Harnoncourt vom Orchesteralltag, von Originalen und alten Nazis, von Karajan, dessen Bruckner-Interpretationen ihn tief beeindrucken. Dessen Hang zur Selbstinszenierung ihm aber so gar nicht liegt:

Vielleicht liegt es auch an solchen Erfahrungen, dass Harnoncourt selbst zu einer Art Anti-Karajan wurde, der auch äußerlich eine betonte Uneitelkeit kultivierte. Als er einmal zu einer Probe seines Concentus Musicus in feiner Abendgarderobe erschienen sei, hätten ihn seine Mitmusiker kaum erkannt, weil sie ihn sonst nie anders als in Karohemd und Cordhose zu sehen bekamen.

Der Concentus Musicus, die „Entdeckergemeinschaft“, wie Harnoncourt das Ensemble nennt, ist die zweite Welt, in der er und seine Frau Alice leben. Da finden sich Gleichgesinnte, die die damals kaum bekannten Werke von Dufay und Isaac, Fasch und Pergolesi singen und spielen, die Bibliotheken durchforsten, stundenlang Noten von Hand abschreiben, die alles Geld, das sie sich abzwacken können, in alte Instrumente stecken, die sie dann zum Teil selbst restaurieren. Die ersten Auftritte des Concentus finden im halbprivaten Rahmen in der Wohnung der Harnoncourts statt, ziehen aber bald schon die Aufmerksamkeit der Presse auf sich. Das ist nicht immer günstig, etwa wenn geschrieben wird ...

Vor allem Harnoncourts Schilderungen aus den Gründerjahren des Concentus lesen sich hochspannend und lebendig. Es entsteht das plastische Bild eines in bürgerlichen Konventionen völlig erstarrten Musiklebens, das aber auf einen Befreiungsschlag, wie die historische Aufführungspraxis es war, förmlich gewartet hat. Entsprechend zügig stellt sich der Erfolg des jungen Ensembles ein, erst in Wien bald auch international. Harnoncourt berichtet von Aufnahmeprojekten, von Konzertreisen, von Interpretationskursen, von den Erfolgen in der Oper mit Monteverdi in Zürich. Da rutschen diese Erinnerungen manchmal doch ein bisschen ins Biedere und Chronistenhafte, ergehen sich streckenweise im Aufzählen von Werktiteln, Besetzungen und Namen.

Auch bei manchen Texten im zweiten Teil des Buches, angejahrten Essays Harnoncourts zu Grundsatzfragen wie „Warum Originalinstrumente?“ etwa, kann man sich schon fragen, ob das alles heute so hochoriginell ist, dass es veröffentlicht werden muss. Daneben dann wieder: quicklebendige Schilderungen, wie der ironische Konzertbericht über eine Matthäus-Passion unter Karl Richter. Oder das liebevolle Porträt eines schrulligen alten Bratschisten bei den Wiener Symphonikern.

Das Ganze ist, trotz der kleinen Schwächen, typischer Harnoncourt: ruppig, direkt, unbehauen, manchmal ein bisschen lustig, manchmal ein bisschen bös. Meist sehr unterhaltsam – und immer von Herzen.

Buchkritik vom 27.9.2017 aus der Sendung „SWR2 Cluster“

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