Neuer Blick auf den Komponisten Karol Szymanowski Aus dem Polnischen übersetzt von Peter Oliver Loew

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Buchkritik vom 31.1.2018

Folgt man Karol Szymanowski auf seinem Lebensweg, so erlebt man all die Orte, Menschen und Ideen, die das europäische Musikleben vor dem Zweiten Weltkrieg ausmachten. Ein ganzes Panorama eröffnet sich dem Betrachter. Zunächst das Leben des kosmopolitischen Landadels im Zarenreich: Bereits seit rund einem Jahrhundert lebte die polnische Familie Szymanowskis im Osten der Ukraine, wo ein Landgut ein sorgenfreies Leben ermöglichte.

Szymanowski wuchs umgeben von Musik auf, wurde von Hauslehrern unterrichtet, lernte Deutsch, Französisch, Russisch, Italienisch und reiste mit seiner Familie in Europa umher. Als 13-Jähriger erlebte er in Wien Richard Wagners Lohengrin. Davon war er derart beeindruckt, dass er beschloss, selbst zu komponieren. Mit 19 studierte Szymanowski in Warschau für kurze Zeit Komposition. Aber auch ohne Abschluss konnte sich der junge Komponist erstaunlich schnell im polnischen und europäischen Musikleben etablieren. 1905 wurde er Teil der Komponistengruppe „Junges Polen“. Die Musikwissenschaftlerin Danuta Gwizdalanka schreibt:

Vielleicht wäre Wien Szymanowskis Lebensmittelpunkt geworden, wo die Universal Edition ihn unter Vertrag genommen hatte, wo er beispielsweise mit Franz Schreker zusammentraf und wo er Opern von Richard Strauss hören konnte – das Bohème-Leben dort voller Musik und Theater dort genoss er offenbar in vollen Zügen. Aber der Erste Weltkrieg beendete das privilegierte Leben Szymanowskis. Die Familie verlor das Landgut und flüchtete nach Warschau, wo tatsächlich Erwerbsarbeit von Nöten war, um Mutter, Schwestern, Schwager, Nichten über Wasser zu halten. Szymanowski trat als Pianist auf und komponierte unentwegt.

Geld verdienen und es beieinander halten, organisieren, planen, Absprachen einhalten, die Organisation des praktischen Lebens – das alles waren überhaupt nicht Szymanowskis Stärken. Das macht Gwizdalanka immer wieder deutlich.

Ausführlich beschreibt Gwizdalanka Szymanowskis narzisstische Persönlichkeit und seine bipolare Störung. Sie weist so oft darauf hin, dass er sich nie ausreichend wertgeschätzt fühlte, häufig empfindlich und beleidigt war, dass man meinen könnte, Szymanowski sei der Autorin unsympathisch. Tatsächlich ist Gwizdalanka darum bemüht, das Bild Szymanowskis endlich gerade zu rücken, denn es finden sich bis heute Lexikon- und Internet-Artikel, die ungeprüft Szymanowskis eigener Narration aus unzähligen Klage- oder auch Angeber-Briefen folgen. So ist häufig von Szymanowskis Verdiensten für die Musikausbildung in Polen die Rede, die er als Direktor des Konservatoriums vorangebracht habe. Gwizdalanka schreibt dazu:

Schwierige Lebenssituation, fehlende Anerkennung oder das Unverständnis seiner Musik gegenüber – Szymanowskis Klagen darüber stellt Gwizdalanka Fakten entgegen, die oft genug Szymanowskis eigene Sicht relativieren und der Verklärung, die ihn als polnischen Nationalkomponisten umgibt, teilweise den Boden entzieht. Gwizdalankas Buch ist in diesem Sinne keine Biografie, sondern eigentlich ein Betrachten Szymanowskis aus immer wieder neuen Blickwinkeln. Ihre Kapitel lauten beispielsweise „Leben mit der Familie“, „Unter Freunden“, „In Polen“, „Werke und Meisterwerke“. Es gibt mit und in diesen Abschnitten keinen chronologischen Ablauf, vielmehr springt die Autorin je nach Thema zu dem einen oder anderen neuralgischen Punkt in Szymanowskis Leben.

Wer chronologische Ordnung sucht, muss die dankenswerteweise angefügte Tabelle zu Szymanowskis Leben und Werk in Anspruch nehmen. Abgesehen davon lassen sich die knapp 300 Seiten ohne lästige Fußnoten flüssig lesen – sicher auch ein Verdienst des Übersetzers Peter Oliver Loew. Besonders hervorzuheben sind Gwizdalankas Kapitel über Szymanowskis Musik und seine Werke, die sie nach Genres geordnet betrachtet; Schlüsselwerke werden gesondert beschrieben. Danuta Gwizdalankas Szymanowski-Buch ist damit ein Nachschlagewerk, das den Weg frei macht für einen neuen Blick auf einen Komponisten grandioser Musik.

Buchkritik vom 31.1.2018 aus der Sendung „SWR2 Cluster“

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