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Kolumnist Axel Brüggemann ist auch zwischen den Jahren nichts aus dem aktuellen Musikleben entgangen – von wegen „Saure-Gurken-Zeit“. Monika Grütters hat mit ihrer Kritik an den Bayreuther Festspielen für reichlich Stoff gesorgt.

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Die Saure-Gurken-Zeit zwischen den Jahren hatte Kulturstaatssekretärin Monika Grütters genutzt, um sich zurückzumelden. Mit Neuigkeiten zu den Novemberhilfen für Soloselbständige, bei denen es seit über zwei Monaten klemmt? Nein! Mit neuen Ideen für Orchester, Theater oder Konzertsäle in Zeiten des Lockdowns? Natürlich nicht!

Eine verheißungsvolle Ankündigung: Die Strukturen der Bayreuther Festspiele überprüfen

Monika Grütters nutzte die Zeit zwischen den Jahren, um eine erneute Nebelkerze zu werfen, die – so scheint es – von ihrer Corona-Kulturpolitik ablenken soll. Die Kulturstaatssekretärin wolle – das hatte sie der dpa gesagt – mal die Strukturen der Bayreuther Festspiele überprüfen. Wie bitte? Ja, im Ernst. Ausgerechnet, nachdem die letzten Festspiele ausgefallen und die nächsten gerade mit aller Kraftanstrengung geplant werden, will Grütters diese nun auf den Prüfstand stellen. Ihr ist eingefallen, dass Bayreuth (finanziert unter anderem von Bund, Land und Stadt) in einer „Bringschuld“ stünde: Man müsse prüfen, ob Leistung und internationale Darstellung noch stimmten.

Weiß Weltengott Wotan, wie Monika Grütters gerade auf dieses Thema gekommen ist. Vielleicht, weil sie besonders gern (und lange) auf dem roten Teppich in Bayreuth stehenbleibt, um sich an der Seite von Angela Merkel fotografieren zu lassen? Oder, weil die einstige Dramaturgin einfach mal wieder Lust auf Theaterluft hat?

Monika Grütters Ankündigung bleibt nebulös

Abgesehen von der Formulierung, dass Bayreuth in der „Bringschuld“ stünde, irritieren Sprache, Haltung und Zeitpunkt von Grütters Vorstoß. Sie überraschte – ja, überrumpelte – den Stiftungsrat und die Intendanz. Niemand war informiert. Niemand wusste, was die Kulturstaatssekretärin eigentlich wollte. Georg Waldenfels, Vorsitzender der Gesellschaft der Freunde und Mitglied der Festspiel GmbH zeigte sich auf Nachfrage irritiert, Katharina Wagner erklärte lakonisch, wenn Grütters in diesen Tagen keine anderen Prioritäten habe, begrüße sie jede Hilfe.

Ich habe persönlich bei Grütters nachgefragt, aber die weilt derzeit im Urlaub. Ihr Sprecher behauptet, anders als Katharina Wagner oder Georg Waldenfels, dass man sehr wohl mit anderen Beteiligten gesprochen hätte. Welche Strukturen Grütters konkret überprüfen wolle – das blieb auch weiterhin im Unklaren. Nur so viel: Nach der Erkrankung von Festspiel-Intendantin Katharina Wagner im Sommer hätte man beobachtet, dass in derartigen Fällen Unklarheit in Bayreuth herrsche.

Die Strukturen der Bayreuther Festspiele seit 2007 reformbedürftig

Dabei war das Procedere ziemlich klar: Heinz-Dieter Sense hatte die Rolle von Katharina Wagner bis zu ihrer Rückkehr übernommen. Aber diese Art von Ankündigungs-Politik ist inzwischen ein Markenzeichen von Monika Grütters. Am Anfang der Corona-Krise erklärte sie noch, dass manche Künstler*innen froh über ihre angekündigten Hilfs-Zuwendungen sein könnten, da sie auch ohne Corona kaum überleben könnten. Es klappte eigentlich keines ihrer Hilfsprogramme, ihre Rolle am Kabinettstisch erwies sich als: unbedeutend. Stattdessen startete sie immer neue Ablenkungsmanöver! Und nun also die Bayreuther Festspiele.

Da wäre ja auch tatsächlich einiges zu überprüfen. Grob gesagt funktioniert die Struktur der Bayreuther Festspiele seit Ausscheiden von Wolfgang Wagner – also seit 2007 – nicht mehr. Verträge und Satzungen wurden nie der aktuellen Situation angepasst, zwischen der Besitzerin des Festspielhauses, der Stiftung, und der GmbH als Mieter und finanzstarker Betreiber, knirscht es. Ja – manches bewegt sich am Rande vertraglicher Legalität!

Viele offene Baustellen im Kulturministerium

Das Absurde: Am 20.Januar 2014 hatte Monika Grütters schon einmal eine „Arbeitsgruppe Stiftungssatzung“ einberufen. Doch die verlief nach einem Treffen im Sande. Kein weiterer Mucks der Kulturstaatssekretärin! Wie so oft, hat sie auch damals eine Baustelle geöffnet und sie bis heute – sieben Jahre lang - nicht mehr betreten. Inzwischen gibt es im Kulturministerium viele dieser unbearbeiteten Baustellen.

Warum all das keine Konsequenzen hat – nun ja, vielleicht weil es „nur“ Kulturpolitik ist?

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