Glosse

Gordon Kampes Jahr 2021: Prä-apokalyptische Stimmung und Herzchen-Emojis

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Gordon Kampe

Als Komponist waren im Jahr 2021 für SWR2-Kolumnist Gordon Kampe ein paar tolle Dinge dabei, wie beispielsweise eine Opern-Uraufführung in Bayreuth. Doch auf die himmelhoch jauchzende Heiterkeit folgte oft die Betrübnis: Wo ist denn, zum Geier, die gute alte Contenance geblieben? Für das nahende Jahr 2022 gibt Kampe drei Tipps – besorgen Sie sich schon mal einen Hut!

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„Der Lack ist ab, die Sitten verfallen, der Untergang ist nah“

Einer dieser Tage im vergangenen Jahr: Erst platzte mir der angeblich everlasting Lack vom Mülltonnendach und dann noch der Kragen. Im Baumarkt versuchte ich Ersatzlack zu finden, doch die „Servicefachkraft“ schaute mir auch nach viermaligem: „Moin, wo ist denn hier bitte der Lack?“ nicht in die Augen, sondern brummte mich an wie ein schlechtgelauntes Kontrafagott.

Der Lack ist ab, die Sitten verfallen, der Untergang ist nah. Unterirdisch gelaunt stiefelte ich also in Gang 41 und suchte Metallschutzlack. Als Gustav-Mahler-Fan nahm ich natürlich „Hammerschlag dunkelgrau.“

Diese prä-apokalyptsiche Grundstimmung fasst in groben Zügen mein vergangenes Jahr ganz gut zusammen – aus Gründen, die wir alle kennen. Ihnen geht‘s vielleicht ähnlich.

2021: himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt

Persönlich, als Komponist, waren ein paar tolle Dinge dabei. Eine Opern-Uraufführung in Bayreuth etwa – und das, obwohl ich noch lebe und nur ein bisschen vom Größenwahn befallen bin. Doch auf jedes himmelhohe Gejauchze folgte die Betrübnis.

Meine Güte, was habe ich in 2021 Espressivo gesammelt. Mir schwant, insgesamt ist einiges aus der Form gegangen – und das nicht nur beim Mülltonnendachschutzlack-Kaufversuch im Baumarkt.

Extreme Gefühle – ein gesamtgesellschaftliches Phänomen

Auch wenn ich manchmal den Mikrokosmos der eigenen Bubble betrachte, in der ich ja auch als Fischchen vor mich hin blubbere, schwankt es in Extremen: Vollkommen heiterkeitsbefreite „Deepness“ auf der einen und kreischende Begeisterung mit mindestens 16 Herzchen-Emojis auf der anderen Seite – und manchmal alles gleichzeitig.

Ich blicke nicht mehr durch. Wo ist denn, zum Geier, die gute alte Contenance geblieben? Also. Es hilft ja alles nichts. Wer nörgelt, muss selber ran. Das nahende Jahr 2022 erkläre ich hiermit zum Jahr der Form und es gibt drei Mittel, wie das nächste Jahr etwas besser gelingen kann.

Drei Tipps für ein besseres Jahr 2022

  1. Wer einen Hut besitzt und ihn lange nicht getragen hat, krame ihn hervor und schmücke fortan sein Haupt. Man kann charmant mit ihm grüßen und sieht stets blendend aus. Elegant und schlicht sollte er sein, nicht zu wild. Stellen Sie sich vor, Sie besteigen die U-Bahn und alle tragen Hüte. Sie werden lächeln und sich freuen.
  2. Singen Sie – wo es denn erlaubt ist – eine Tonleiter und erfreuen sich an ihr. Hören Sie das Adagio aus Mozarts „Gran Partita“ oder die Musik zum großen „Pas de Deux“ aus dem Nussknacker. Nichts als Skala. Sie werden vermutlich ein bisschen weinen. Macht nichts, denn sie haben ja einen Hut auf, außerdem ist es besser als sich aufzuregen.
  3. Ich bitte Sie herzlich: schreiben Sie – wann immer es Ihnen möglich ist – an einer Passacaglia. Sie wird uns retten. Eine gescheite Passacaglia besteht aus einem klaren, strengen und dabei oft zart tänzelndem Bassmodell, über dem sich ganz und gar frei und beschwingt die dollsten Variationen ausbreiten.

Wenn dieser Mist, in dem wir alle miteinander stecken, vorüber ist, dann will ich Passacaglia, Contenance, Form, Strenge, Spiel und Tanz. Vielleicht sind wir dann zu retten.

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