STAND
AUTOR/IN

„Vergessen Sie die Leisen nicht!“ appelliert Gordon Kampe an die Entscheider*innen für Kulturförderungen. Denn nicht jede Kunst, die einen Bezug zur Coronakrise hat und nun in Anträgen zur Förderung vorgelegt wird, ist auch gut. Was ist mit den Franz Schuberts unserer Tage, die einfach reine Musik schreiben, ganz ohne Programm und Bezug zu den Schlagzeilen des Tages?

Audio herunterladen (5,1 MB | MP3)

Stellen wir uns vor: Franz Schubert sitzt in seinem Kämmerchen, ruckelt die nervende Brille zurecht — und schreibt einen Antrag für sein neues Werk. Ohne Antrag an einen Fürsten: keine Sinfonie. Er überlegt: Welcher Vorschlag denn wohl die größten Aussichten bei der Jury haben könnte – gerade jetzt in der Krise, in der alle Kunst doch etwas mit der Krise zu tun haben muss, damit sie – horribile dictu – „relevant" sei…

Einsamkeit, Trauer, Liebe, Tod und noch ein paar Tiere

Zwei Sätze einer noch nicht vollendeten Sinfonie, die leider sowohl konzept-, text- und diskurslos als auch virenfrei geplant war, also irrelevant, wirft Schubert frustriert in den Ofen. Immerhin friert er jetzt nicht mehr. „Will ja gerade niemand hören, so Zeugs!", murmelt er und denkt: „Ok, dann wie immer, schreibe ich halt ein paar Lieder. Einsamkeit, Trauer, Liebe, Tod und noch ein paar Tiere rein. Krähen zum Beispiel – voll gruselig. Das läuft sicher auch in Mödling gut."

Ein bisschen weniger Fantasie benötigt die Vorstellung, wie Künstlerinnen und Künstler unterschiedlichster Sparten in diesen Wochen über ihren jeweiligen Anträgen hocken und Konzepte formulieren, die – wie auch immer – auf die gegenwärtige Coronakrise Bezug nehmen. Krisen und Umwälzungen bringen, ganz klar, immer auch Veränderungen in der Kunst mit sich. Das zeigt die Geschichte. Ich zweifle nicht daran, dass auch jetzt Ideen gesponnen werden, die einen großen Einfluss auf die jeweiligen Genres haben werden. Da bin ich gespannt.

Morgens die taz lesen, um nachmittags die richtigen Keywords in Anträge zu tippen?

Aber, ich bin auch etwas besorgt. Werden durch finanzielle Engpässe die Slots weniger und enger, wird noch Platz für das sein, das sich nicht so leicht, Markt- und Antragskonform auf Corona übertragen lässt? Klappern gehört zum Handwerk, wer nicht „hier!" ruft, die werden auch nicht gehört. Aber wo bleiben dann die Schuberts dieser Tage, die nicht morgens die taz lesen, um nachmittags die richtigen Keywords in ihre Anträge zu tippen? Mit den heutzutage fast obsoleten Begriffen wie „Liebe und Tod" ist ja leider kaum ein Antragsblumentopf zu gewinnen. Außer natürlich man meint sie ironisch.

Form, Inhalt, Thema sollten sich ganz und gar freiwillig treffen dürfen und nicht herbeiformuliert werden.

Kunsttrüffelschweine: Kulturentscheider*innen sollten tief graben

Ich habe daher einen Wunsch: Liebe Entscheiderinnen und Entscheider, jetzt gilt es Ihnen! Die Musik von Schuberts B-Dur Sonate – auch die hätte er sich heute natürlich knicken können – trifft Herz, Seele, Verstand und geht durch Mark und Bein – nicht unbedingt ihr Programmhefttext! Seien Sie doch vielleicht gelegentlich wie Kunsttrüffelschweine. Manchmal liegt der größte und wertvollste Trüffel im Matsch verborgen, graben Sie also sehr ausführlich an den Anträgen herum und misstrauen ein wenig dem verbalen, leichtformulierten Glitzer. Bitte, vergessen Sie die Leisen nicht.  

Glosse Gordon Kampe: Rossini forever

Gioachino Rossini feiert Geburtstag. Von ihm können selbst Komponisten der Neuen Musik noch viel lernen. Gordon Kampe weiß warum.  mehr...

SWR2 Treffpunkt Klassik SWR2

Glosse Wie man Komponist und glücklich dabei wird: Ein Brief von Gordon Kampe

Gordon Kampe hat es geschafft. Er gehört zu den häufig aufgeführten Komponisten und hat eine Professur für Komposition in Hamburg. Aber der berufliche Alltag eines Komponisten kann sehr prosaisch sein, erklärt er mit humorvollem Blick auf die Branche. Misserfolge sind an der Tagesordnung und romantische Vorstellungen von einem Leben für die Kunst völlig deplatziert.  mehr...

SWR2 Treffpunkt Klassik SWR2

Glosse Gordon Kampes Weihnachtstipp: „Es ist besser falsch zu singen, als nicht zu singen“

Klingende Glöckchen, brennende Kerzen, leuchtende Augen – was aber komplettiert die Weihnachts-Harmonie? Natürlich das Singen unterm Weihnachtsbaum. Gordon Kampe mit einer Glosse.  mehr...

SWR2 Treffpunkt Klassik SWR2

STAND
AUTOR/IN