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Schön ist es, wenn im Männergesangverein Deutsche Eiche 1880 Hammertal e.V. jede Woche geprobt wird und sich niemand fragt, warum man das jetzt tut. Man tut es eben, weil es Spaß macht – so einfach kann das sein. Zum Jahresausklang hat Gordon Kampe zwei Wünsche für 2021.

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"Wo zwei oder drei versammelt sind"

Ein ausverkauftes Haus, standing ovations, wundgeklatschte Hände, Blumen und Lorbeerkränze! Pustekuchen … Können wir uns knicken, dachten wir damals. Es war Heiligabend, ich war als C-Organist einer kleinen Gemeinde tätig. Und hatte den maximal überzeugenden Einfall, noch nach den Gottesdiensten mit meiner Frau ein Konzert zu geben. Denn was konnte es wichtigeres geben als Musik?

Richtig: Der Braten, die Gans im Ofen. Außer dem Pfarrer und uns beiden war niemand da. Go home, Buxtehude, dachte ich. Doch, wie heißt es in der schönsten Arie des Universums – BWV 42 – "Wo zwei oder drei versammelt sind" – und wenn Bach das sagt, muss es stimmen. Also spielte die Musik nur für uns.

Karl weiß, was Musikmachen bedeutet

Was Musikmachen bedeuten kann, brachte mir auch Karl bei. Karl ist Sänger im "Männergesangsverein Deutsche Eiche 1880 Hammertal e. V.", mitten im Ruhrgebiet. Karl probt mit dem Chor 50 Jahre lang, jeden Freitag. Vor ein paar Jahren sammelte ich Lieder und Geschichten dieser verschwindenden Tradition.

Niemand sang das Bajazzo-Lied schöner und innbrünstiger als Karl! Nicht jeder Ton saß, aber jeder Ton traf. Gefragt nach den nächsten Zielen, stand das Herbstkonzert ganz oben. "Vielleicht", so Karl im Original, "vielleicht haben wa’ auch Glück, dass der liebe Gott … Dass wa’ noch bisschen machen."

Bach ist mein Sauerstoff

Was war ich im vergangenen Jahr oft gelangweilt und genervt, wenn die Systemrelevanz von Kultur immer spitzfindiger diskutiert wurde. Für Karl und mich ist die Frage jenseits des Feuilletons und auch jenseits wohlfeiler Kalendersprüche oder Sonntagsreden klar. Wir fragen uns ja auch nicht, ob wir für oder gegen Sauerstoff sind. Was mir mein Bach, datt ist ihm sein Bajazzo.

Da fällt mir natürlich Nofretete ein. Nimmt man die berühmte Büste aus der Vitrine – versuchen Sie das ruhig mal, wenn Sie wieder in Berlin sein dürfen – und kippt man sie um etwa 30° nach rechts, dann beginnt die strenge Schönheit zu lächeln! Beim Teutates: Was sich alles im Verbogenen verbergen kann, schaut man nur einmal andersherum!

Zwei Wünsche fürs nächste Jahr

Zwei Dinge wünsche ich mir also fürs nächste Jahr: Erstens, dass meine Hörwinkel im kommenden Jahr wieder schräger werden können. Immer in der Hoffnung, dass sich hinter manch einer Schrägheit ein zuversichtliches Lächeln verbirgt.

Und Zweitens, dass ich wieder einen Karl treffen kann, der mich immer dann an die Bedeutung, an die Freude und an den Optimismus von Musik erinnert, wenn ich in Routinen stagniere oder griesgrämig auf einem Cello schaben sollte. Denn niemand will doch so sein wie dieser Kaffeetassen-Pinguin-Cartoon, der immer nur dagegen ist. Süß ist er ja, aber ihm ist sicher auch kalt.

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