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Ein Stromschlag, der alles veränderte: Statt einer aussichtsreichen Elektriker-Karriere versucht Gordon Kampe sein Glück als Komponist. Immer wieder beobachtet er, dass die Eignungsprüfungen an Musik- und Kunsthochschulen jungen Menschen, die nicht aus einem Akademikerhaushalt stammen, den Weg verbauen.

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Wie jeder halbwegs anständige Opernkomponist entstamme auch ich, Gordon Kampe, einer traditionsbewussten und stolzen Elektrikerfamilie aus dem Ruhrgebiet.

Hilti statt Taktstock

Eine „Cabaletta“ hielt ich damals für eine besonders kleine Abisolierzange und niemand weit und breit war besser oder sagen wir: hemmungsloser darin, Wände mit der Hilti aufzuspitzen, auf dass Platz werde für meterlange NYM 3x1,52 Kabel.

Leider bekam ich, kein Witz, noch am Tag meiner praktischen Gesellenprüfung einen Schlag. Ich hatte eines dieser Schräubsken, wie wir in Herne sagen, im Verteilerkasten verloren und kam auf der Suche nach ihr mit der Nase an die Phase.

Folgerichtig blieb mir also nur ein Kompositionsstudium als Alternative übrig. Mittlerweile unterrichte ich Komposition an der Musikhochschule, schreibe Opern und derlei.

Ich hatte mit meiner ungemein musikalischen Schule und meinem stets unterstützenden Umfeld das große Glück, so eine Welt überhaupt gezeigt zu bekommen. Diese – für mich – bestmögliche Welt, von der ich sonst niemals etwas erfahren hätte.

Die Aufnahme eines Studiums hängt immer noch vom Elternhaus ab

Nun stehen an vielen Musik- und Kunsthochschulen wieder Eignungsprüfungen an. Um jeden einzelnen Studienplatz wird gerungen und gekämpft. Wer sich erst nach dem Abi entscheidet Musik zu studieren und nicht schon eine mindestens zehnjährige Erfahrung mitbringt, wird nur schwer einen Platz bekommen.

Einschlägige Studien- und Bildungsstatistiken zeigen, dass die Aufnahme eines Studiums oftmals noch immer davon abhängt, ob Kinder aus einem Akademikerhaushalt stammen – oder eben nicht. Auch die Chancen auf eine spätere Karriere im Wissenschafts- oder Kulturbetrieb hängen stark von der Milieuzugehörigkeit ab.

Ein undurchlässiges Bildungssystem

Dabei geht es nicht nur um die finanziellen Möglichkeiten, sondern auch um einen bestimmten Habitus, der nicht gelernt wurde. Wer weiß, wer uns schon alles durch die Lappen gegangen ist, weil das Bildungssystem noch immer zu wenig durchlässig ist!

Einmal im Studium angekommen, warten manchmal die nächsten unsichtbaren Herausforderungen: Junge Leute, die als erste in ihrer Familie studieren – und in denen das oft gehörte „Kind, mach was Richtiges!“ immer noch widerhallt. Erst wurde die schräge Vorliebe für Bach, Bebop und Noise beargwöhnt – und im Studium, umgeben von lauter Akademikerkindern, geht das dann gleich weiter.

Beispiel gefällig? In meinen ersten Semestern war ich vielleicht der einzige, der „Wiesengrund“ für ein Naherholungsgebiet in Bochum-Wattenscheid hielt. Dass ich als Komponist jahrelang belächelt und bestaunt wurde, da das ja 1. kein Beruf sei, ich 2. davon ohnehin nicht leben könne und ich daher 3. wohl viel Tagesfreizeit habe, habe ich genervt und stoisch zugleich ertragen.

Ich wusste ja , dass ich als suboptimal talentierter Elektriker ohnehin ein Haus nach dem anderen versehentlich in Brand gesetzt hätte. Dann schreibe ich doch lieber Opern.

Glosse Gordon Kampe: „Wenn ich noch einen Splitscreen sehe, schalte ich das Internet ab“

„Der Umzug ins Digitale hat gezeigt, wie fantastisch das Analoge ist“, sagt der Komponist Gordon Kampe in der SWR2 Glosse. Änderungen im Musikbetrieb seien angebracht und wichtig, aber bitte nicht unter Zwang. Gordon Kampe erzählt von Musikerinnen und Musikern, die zu virtuellen Quadraten werden und vermisst das Bonbonpapierknistern seiner Sitznachbarin im Konzertsaal.  mehr...

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