Glosse

Sexy Fußnoten und Musikforschung

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AUTOR/IN
Gordon Kampe

Einen Fund, der dem des Grabes Tutanchamuns gleicht, hat Gordon Kampe zwar nicht gemacht, aber die Beschäftigung mit der Musikwissenschaft machte ihn gelassener. Fußnoten findet er „supersexy“, beim Musizieren genießt er allerdings die unwissenschaftliche Freiheit. Eine Glosse zur Beziehung zwischen Komponist und Musikforschung.

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Unveröffentlichter Briefwechsel

Da war sie. Die kleine, ganz nach unten geräumte Archivbox in einem kleinen Raum an einer Uni in der Schweiz. Der Puls des Doktoranden schlug höher. So ungefähr muss sich Howard Carter gefühlt haben, als er das Grab des Tutanchamun fand!

In der Box, so hieß es, sei also der gesamte bisher unveröffentlichte Briefwechsel zwischen dem Komponisten Richard Strauss und dem Theoretiker Ernst Kurth. Würde der Blick auf den Rosenkavalier neu geschrieben werden müssen?

Hatte sich Strauss Tipps und Tricks für ganz besonders linearen Kontrapunkt beim eidgenössischen Gelehrten eingeholt? Der Ohnmacht nahe öffnete ich die Schatulle und hatte den gesamten Briefwechsel in der Hand: Eine Postkarte!

Bebend vor Aufregung und Verzückung las ich dort in etwa: „Lieber Dr. Kurth, Buch dankend erhalten, Gruß, Ihr Strauss.“ Naja... Ein paar Jahre später hatte ich dann wirklich etwas gefunden, das für einen Aufsatz wichtig war. Ich durfte die halbverrotteten Kordeln einer Mappe durschneiden und jauchzte, frohlockte lauthals ob dieses erhellenden Fundes, bis mich die strenge Bibliothekarin der Rara-Abteilung zur Ruhe rief: „Psssst, Herr Doktor Kampe.“

Schnappatmung

So ist das... Mal sucht man sich den Wolf und alles ist für die Katz und manchmal fängt man einen etwas größeren Fisch. Für eine Fußnote wird es immer reichen. Ich finde Fußnoten wirklich supersexy. Dieses „nerdige“ Treiben in Archiven ist nur ein winziger Ausschnitt im Berufsfeld der Musikwissenschaft, aber jener, der mir persönlich – neben dem Unterrichten –am meisten Spaß gemacht hat. Und auch heute, wenn ich nun Komposition unterrichte, kann ich schwerlich den begeisterten Musikwissenschaftler in mir verbergen.

Ohne „Einordnung in den historischen Kontext“, wie es so schön heißt, bekäme ich Schnappatmung und würde japsend über meiner PowerPoint-Präsentation zusammenbrechen.

Meine Musik allerdings, ist hoffentlich nicht von fußnotengeschwängerter Weisheit geprägt. Während ich Präzision, Überprüfbarkeit und Distanz in der Wissenschaft schätze, liebe ich das Wilde und Freie in der Kunst. Vielleicht bin ich daher auch etwas skeptisch, wenn Politik – dies geschieht seit geraumer Zeit verstärkt – beide Welten oft mit zeitgeistiger Sprachgewalt zu vermengen versucht.

Gelassenheit durch Musikwissenschaft

Ist es denn nicht das Schöne an der Kunst, dass sie einem immer wieder anders begegnen kann? Eine Sinfonie, die sich ihre Fußnoten selber schreibt, darauf hätte ich keine große Lust. – Die Beschäftigung mit Musikwissenschaft hat den Komponisten Kampe gelassener gemacht.

Wann immer es heißt: „Das kann man heute nicht mehr machen... das ist vorbei, das geht nicht, dies geht nicht...“ ...dann krame ich die ästhetischen Kampfschriften von Philipp de Vitry hervor oder von Claudio Monteverdi oder von Ferruccio Busoni oder von Pierre Boulez oder... oder... oder... und denke mir lächelnd: Entspann dich, Doktor Kampe. Ist alles wie immer.

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