Roman über die Macht der Musik Eine Geschichte von Überleben, Liebe und Musik

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Buchkritik vom 18.10.2017

Dass Lisa Jura all diese Menschen überhaupt kennen lernt, ist ein gewaltiges Glück. Seit dem sogenannten Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich ist das Leben in Wien für den jüdischen Schneider Abraham Jura und seine Familie immer schwieriger geworden. Kurz nach den Novemberpogromen 1938 ergibt sich durch Zufall die Gelegenheit, eine der drei Töchter mit dem Kindertransport nach England zu schicken. Die Wahl fällt Wahl auf Lisa, die in der Nachbarschaft als musikalisches Wunderkind gilt.

Lisa kommt im Winter 1938 in England an, in einer Zeit, in der die Londoner ihre eigenen Kinder aus der Stadt schaffen, um sie vor den drohenden Bomben-Angriffen zu schützen. Ein Cousin des Vaters soll Lisa aufnehmen, aber auch er verlässt mit seiner Familie die Stadt und lässt Lisa zurück. Die muss eine kleine Odyssee hinter sich bringen, ehe sie ihren Platz findet – aber dann erkämpft sie sich eine neue Heimat in einem Wohnheim für jüdische Flüchtlingskinder in der Willesden Lane –, und dort gibt es sogar ein Klavier.

Lisa Jura war eins von knapp 18.000 jüdischen Kindern, die in den Jahren 1938 und 1939 via Kindertransport aus Deutschland, Österreich, Tschechien und Polen evakuiert wurden, die meisten haben ihre Eltern nie wieder gesehen. Allzu viel ist über ihre Schicksale nicht bekannt. Umso spannender ist Mona Golabeks Bericht – allerdings mit der Einschränkung, dass er eben nicht aus erster Hand stammt. Golabek hat intensiv recherchiert und nicht nur die Erzählungen ihrer Mutter verarbeitet, sondern auch ihre Weggefährten in London aufgetrieben und mit ihnen gesprochen. Trotzdem schreibt sie im Vorwort, sie folge den Erinnerungen ihrer Mutter,

Und so erzählt Mona Golabek zum Beispiel davon, wie Lisas Eltern und Schwestern sich auf dem Bahnsteig von ihr verabschiedet hätten, obwohl die Nazis solche Abschiedsszenen normalerweise verhinderten. Durch solche Lücken verschwimmen die Grenzen von Erfahrungsbericht und Fiktion – aber dafür liest sich „Die Pianistin von Wien“ auch so flüssig wie ein Roman.

Auch wenn sich die ein oder andere kantige Formulierung in den Text geschlichen hat, liest sich „Die Pianistin von Wien“ sehr schön. Mona Golabek und ihr Co-Autor, Journalist Lee Cohen, haben ein gutes Gespür für Dialoge und Dramaturgie und lassen Lisas Geschichte erstaunlich lebendig werden.

Dies ist nicht das erste Buch, das sich damit befasst, wie Musik Opfern des Holocaust beim Überleben geholfen hat. Zum Beispiel der Band „Die Geigen des Amnon Weinstein“, der gleich von mehreren Überlebenden erzählt, oder die Memoiren des Komponisten Szymon Laks, der als Chef des Männerorchesters in Auschwitz überlebt hat.

Anders als diese Bücher erzählt Lisa Juras Geschichte nicht so sehr vom Überleben, sondern vom Heimat-Finden in der Fremde und davon, wie Musik dabei helfen kann, indem sie Brücken schlägt. Wer weiß – vielleicht trifft das Buch mit diesem Thema in Deutschland ja einen Nerv. Schließlich erzählt Mona Golabek nicht nur vom Schicksal ihrer Mutter, sondern auch vom Großmut all jener, die ihr und den anderen geflüchteten Kindern geholfen haben. In Deutschland im Jahr 2017 könnte das ein subtiler und willkommener Stoß in die Rippen sein.

Buchkritik vom 18.10.2017 aus der Sendung „SWR2 Cluster“

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