Claude Debussys Briefe erstmals in deutscher Übersetzung Horizonterweiternd und kurzweilig

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Buchkritik vom 7.3.2018

Wie tickte Claude Debussy? Seine Briefe lassen tief blicken. Sie zeigen ihn als Künstler durch und durch. Er ringt um seine Kompositionen mit hohem Anspruch und langem Atem. Was seinen Verlegern sicherlich so manches Mal übermenschliche Geduld abverlangt, wenn Debussy den Abgabetermin eines Werks zum gefühlt 100. Mal verschiebt. Der Komponist skizziert 1910 ein Selbstporträt in einem Brief an Jacques Durand, seinen langjährigen Haupt-Verleger und Freund:

Solche Selbstreflektionen gibt es nicht allzu viele in Debussys Korrespondenz mit Durand und seinen anderen Verlegern. Das Bekenntnis zur realitätsfernen Künstler-Existenz erklärt aber eines der Leitmotive: die chronische Finanznot des Komponisten. Immer wieder bittet er um Vorschüsse oder sogar um ein Darlehen, wie im Juli 1913, als eine letztlich todbringende Krebs-Erkrankung ihn bereits peinigt:

Überhaupt geht es in Debussys Briefen an seine Verleger viel um Alltägliches: Termin-Absprachen, Fragen zum Druck bis hin zu ästhetischen Diskussionen um das Aussehen der Titelblätter. Für die Erstausgabe von „La Mer“ wählte Debussy einen asiatischen Holzschnitt aus, der eine große Welle zeigt. Der Komponist liebte das Meer und suchte im Urlaub an der See Erholung. Davon zeugen auch einige Briefe:

Nicht so oft, aber wenn, dann sehr entschieden äußert sich Claude Debussy zu musikalischen Fragen. Die Werke von Richard Wagner sind ein immer wieder willkommener Anlass für Seitenhiebe. Hochinteressant auch die Gedanken des versierten Pianisten Debussy zum Einsatz des Pedals:

Wortwitz! Claude Debussy hat ihn. Und damit sind wir beim nicht wenig entscheidenden Punkt, warum die Lektüre seiner Briefe nicht nur interessant und horizonterweiternd ist, sondern auch kurzweilig. Debussy – so schüchtern und menschenscheu er sonst gewesen sein soll – zeigt sich in seinen Briefen als witziger, ironiebegabter Zeitgenosse. Gern lockert er mit bildhafter Sprache seine Briefe auf:

Oder:

Ein Satz, der Bernd Goetzke, den Übersetzer dieser Briefe, zu einer Fußnote veranlasst, denn Debussy greift hier nicht zum ersten Mal ein Sprach-Bild des symbolistischen Dichters Jules Laforgue auf. Goetzke hat in akribischer Kleinarbeit Großartiges geleistet. Zunächst einmal ist diese erste deutsche Übersetzung von Debussys Briefen an seine Verleger eine Pioniertat. Und die rund 450 Dokumente sind wunderbar flüssig zu lesen – man hört Debussy förmlich sprechen. Auch wenn seine Briefe manchmal ins Märchenhafte abdriften:

Bernd Goetzke, im Hauptberuf Klavier-Professor an der Musikhochschule Hannover und ein ausgewiesener Debussy-Kenner, hat in jahrelanger minutiöser Kleinarbeit alles Wissenswerte, alle Anspielungen in vielen, vielen Fußnoten dargelegt. Wenn es wichtig ist, zitiert er dort auch ausgiebig aus den Erinnerungen und Briefen anderer Menschen. So entsteht das, was Goetzke als „authentische Variante einer Autobiografie“ bezeichnet. Auch weil viel Privates aufscheint: Ehekrisen und Scheidung, Krankheit und Tod von Debussys Eltern, die Freude an der kleinen Tochter Chouchou. Zugleich dokumentieren Debussys Briefe punktuell auch einschneidende Ereignisse seiner Zeit wie den Ersten Weltkrieg:

Im Anhang versammelt Goetzke noch ein paar private Briefe wie die bewegenden Zeilen der zwölfjährigen Tochter Debussys nach dessen Tod 1918. Außerdem runden Auszüge aus Jacques Durands Erinnerungen die Lektüre der Briefe ab. Alles in allem ein fast 500-seitiges Buch, das im Regal von Debussy-Fans seinen festen Platz bekommen wird.

Buchkritik vom 7.3.2018 aus der Sendung „SWR2 Cluster“

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