Neue Musik

Giga-Hertz-Preis 2022 geht an den argentinischen Komponisten Daniel Teruggi

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AUTOR/IN
Lydia Jeschke

Seit 15 Jahren vergeben das ZKM, das Zentrum für Kunst und Medien, in Karlsruhe und das Freiburger SWR Experimentalstudio den Giga-Hertz-Preis für audiovisuelle Kunst. Neben Produktionspreisen zur Realisation eines neuen Werkes gibt es in jedem Jahr den Hauptpreis für ein Lebenswerk. In diesem Jahr geht der Preis an den argentinischen Komponisten Daniel Teruggi.

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„Ich bekam die Nachricht im August per E-Mail – es war eine große Überraschung, das habe ich überhaupt nicht erwartet. Ich habe mich nie um Preise beworben, normalerweise bekommst Du dann auch keine Preise. Ich bin extrem froh und geehrt – wow.“

Ein beachtliches Lebenswerk

Daniel Teruggi forscht mit Leidenschaft an akustischen, besonders gern an elektro-akustischen Phänomenen. Er ermöglichte es anderen, ebenfalls zu forschen und mit neuen Entdeckungen zu komponieren – und er sammelte die interessanten Ergebnisse ein, um sie zugänglich zu machen und, möglichst nachhaltig, in die Welt zu schicken.

Was hier zusammengefasst beinahe einfach klingt, hat eine Geschichte, in der verschiedene Nationen vorkommen, verschiedene Disziplinen und wichtige Institutionen. Mitten drin: Daniel Teruggi – den der Preis für sein Lebenswerk vielleicht auch deshalb so überrascht hat, weil er über Jahrzehnte recht atemlos in den verschiedenen Jobs unterwegs war. Keine Zeit also, sich um Preisverleihungen zu kümmern.

Physik, Komposition und Klavier

Geboren wurde Daniel Teruggi 1952 in Argentinien. Dort studierte er auch, nämlich Physik, Komposition und Klavier. Mit Mitte zwanzig ging er nach Paris, ans Nationalkonservatorium.

Schon bald entdeckte er die Pariser GRM, die Groupe de Recherches musicales, die sich seit den 1950er Jahren mit elektronisch aufgezeichneten und verarbeiteten Klängen beschäftigt, mit kompositorischen Forschungen zu elektronischen Instrumenten.

Daniel Teruggi arbeitete dort seit 1981, er erweiterte die Möglichkeiten einer akusmatischen, also Lautsprecher-Musik, und er wurde der Leiter der Institution – über 20 Jahre lang.

Dabei unterstützte er die Arbeiten der forschenden Techniker und Künstler (gelegentlich gab es auch Künstlerinnen). Zugleich behielt er im Auge, worum es seiner Ansicht bei all den neuen, computer-gestützten Entwicklungen nach gehen sollte.

Ein gefragter Kommunikator

Einen wichtigen Preis hat Daniel Teruggi bereits bekommen – und zwar 2016 in den USA: nicht als Komponist oder als Klangforscher, sondern für seine Verdienste um das Archivwesen.

Darum kümmert sich, was mediale Erzeugnisse angeht, in Frankreich das öffentlich-rechtliche Institut national de l’audiovisuel INA, das mit der GRM verbunden ist. Hier entstand das allererste digitale Archiv Europas.

Auch der Forschungs- und Experimentier-Abteilung dieser Institution stand Daniel Teruggi vor. Über die Notwendigkeit, immer weiter an neuartigen, heutigen Aufzeichnungssystemen für elektronische Musik und mediale Kunst zu arbeiten, hat er viel zu sagen.

„Ich habe eine klare Vorstellung von Musik und der Rolle, die die Elektronik darin spielt. Für mich ist Musik: Klänge zusammenzubringen, auf eine organisierte Art, die mit dem zu tun hat, was ich hören möchte.“

Überhaupt ist Daniel Teruggi ein gefragter Kommunikator – in Vorträgen und Lectures überall auf der Welt; er lehrte in Paris, hatte Gastprofessuren in Deutschland, England, Spanien und Argentinien inne und leitete einige europäische Forschungsprojekte.

Mit zukunftsgerichtetem Blick

Und doch ist es das Komponieren, das für ihn selbst den Kern seines „Lebenswerks“ bildet. Nach dem altersbedingten Ausscheiden aus seinen verschiedenen Leitungsposten kann er sich dem jetzt noch intensiver und befreit widmen: Dem Komponieren als dem organisierten Verbinden von Klängen aller Art und Herkunft.

Ich mochte immer den Gedanken, dass wir uns in der Gegenwart befinden und einen kleinen Ausblick auf die Zukunft der Musik haben können. Die Idee, hinter den Berg zu schauen, um zu ahnen, was danach kommt, war immer ein starker Motor.“

Nicht zufällig heißen viele Kompositionen von Daniel Teruggi „Symphonien“ – weil hier etwas zusammen klingt. Auch das allerneuste Stück, das im November uraufgeführt werden wird und hier schon anklingen darf, hat so einen Titel: „Pensées Symphoniques“; „Symphonische Gedanken“. Und die, die Gedanken, sind ebenso Spiegel von dem, was Teruggi jetzt in der Welt vorfindet, wie immer auch ein Blick darüber hinaus.

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Lydia Jeschke