SWR2 Treffpunkt Klassik extra

Gast im Studio: Manfred Spitzer, Gehirnforscher, Psychiater und Bestsellerautor

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INTERVIEW

„Was macht die Musik so toll, so wichtig und auch so gesund für uns Menschen, dass wir sie haben?“, fragt Manfred Spitzer und kennt Antworten. Der Ulmer Professor ist Ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Uniklinik in Ulm und der bekannteste Gehirnforscher Deutschlands. In dieser Sendung stellt der musikbegeisterte Bestsellerautor seine Lieblingsmusiken vor und spricht mit SWR2-Musikredakteur Rafael Rennicke über Ohrwürmer und Gänsehaut, was Musik-Hören mit Schokolade zu tun hat und auch über die tröstliche Wirkung von Musik, gerade in diesen Zeiten.

Woher kommt die Musik?

„Digitale Demenz“ oder „Die Smartphone-Epidemie“: Das sind die Titel nur einiger Bestseller von Manfred Spitzer. Als unermüdlicher, streitbarer Autor will er mit seinen Büchern aufrütteln und klarmachen, wie ungesund eigentlich unser digitalisiertes Leben und der alltägliche Bildschirm-Wahn ist.

Auch Bücher über die Musik hat er geschrieben: 2001 kam „Musik im Kopf“ heraus, mittlerweile ein Standardwerk. Und in diesem Jahr erschienen ist sein Buch „Das musikalische Gehirn. Wie Musik auf uns wirkt“. Das Staunen über die Musik hat Spitzer dabei nie verloren: „Wie kann es sein, dass es Musik gibt? Denn die Affen singen doch nicht und spielen keine Instrumente!“ Hingegen gebe es kein Volk, das Musik nicht hat. „Was also ist es? Was macht die Musik so toll, so wichtig und auch so gesund für uns Menschen, dass wir sie haben?“

Für uns Menschen sei es ganz offenbar ein Überlebensvorteil, wenn wir uns gemeinschaftlich organisierten. Und die Musik, so Spitzer, sei ihrem Wesen nach gemeinschaftsstiftend. Ihre positive Wirkung reiche von der Koordination, etwa mithilfe von Liedern bei der Arbeit oder beim Wandern, bis hin zur Kooperation im zwischenmenschlichen und moralischen Bereich. „Und für all das hat Musik schon immer eine Rolle gespielt, und deswegen gibt es sie!“

Musik: Der gesunde Ersatz für Süßigkeiten

Wenn wir Musik hören, springe ein ähnliches Belohnungssystem in unserem Gehirn an wie wenn wir Süßigkeiten essen, so Spitzer: „Musikhören setzt positive Emotionen frei und macht, dass wir uns gut fühlen.“ Manchmal huscht uns dabei sogar eine Gänsehaut über den Rücken.

Auch die sei mittlerweile gut erforscht, erläutert Spitzer. „Wenn uns etwas geschieht, das viel besser ist, als wir es erwartet haben, dann ist zumindest die Möglichkeit von einem Gänsehaut-Moment da. Musik hat nämlich ganz viel mit Erwartungen zu tun – aber nicht mit enttäuschten, sondern mit übererfüllten Erwartungen.“

Ein Schlagzeug: „die vielleicht beste Investition meines Lebens“

In seinem Elternhaus sei er mit Musik aufgewachsen. Seine Eltern hätten vor allem Schlager gehört. Irgendwann habe er sich ein Schlagzeug angeschafft. „Das war die vielleicht beste Investition meines Lebens“, sagt Spitzer. Da er als Kind eine Aufmerksamkeitsstörung hatte, sei es das Schlagzeugspielen gewesen, das ihn immer wieder zu sich selbst gebracht und ihn Konzentration gelehrt habe.

Noch heute macht er in seiner seltenen Freizeit mit Begeisterung Musik – er übt auf der Nyckelharpa, einer traditionellen schwedischen Tastengeige, und spielt Schlagzeug in der Band „The Braintertainers“. „Meine Kumpels in der Band sagen immer: Manfred, wenn Du zwei Stunden mit uns Musik gemacht hast, dann bist Du immer ein ganz anderer Mensch. Und sie haben Recht.“

Einblicke in Mozarts Kopf

Seine Lieblingsmusiken, die er in diese Sendung mitgebracht hat, entdeckte er zu großen Teilen auf seinen „musikalischen Expeditionsreisen in Plattenläden“, zu denen es ihn regelmäßig während Kongress- und Vortragsreisen auf der ganzen Welt hinzieht. Darunter sind Stücke des Gitarristen David Qualey, Lieder der schwedischen Sängerin Åsa Jinder, Klaviermusik von George Winston und ein afrikanisches Wiegenlied der Sängerin Angélique Kidjo.

Anhand von Gregorio Allegris berühmtem „Miserere“ erklärt er die erstaunliche Gehirnleistung des jungen Wolfgang Amadeus Mozart, der das Stück nach einmaligem Hören aus dem Gedächtnis notiert haben soll. Und die „idée fixe“ der Symphonie fantastique, mit der Hector Berlioz im Jahr 1830 ein neuropathologisches Phänomen komponiert hat, nimmt Manfred Spitzer nicht nur zum Anlass, um über Ohrwürmer zu sprechen, sondern auch eine Lanze zu brechen für seine Zunft: „Psychiatrie ist eine ganz tolle Disziplin, mit der man – entgegen ihres Rufs – unglaublich viel bewegen kann.“

Hoffnungsträger Musik

Und wie steht es um die tröstende Kraft von Musik, die viele Menschen gerade in diesen Krisenzeiten spürten und spüren? Spitzer zeigt sich berührt davon, wie Menschen noch selbst unter widrigsten Umständen – etwa in Luftschutzkellern in der ukrainischen Hauptstadt Kiew – Musik machten.

Für ihn sei dies ein weiterer Beleg für die einzigartige Kraft der Musik, dem Menschen „einen Funken Hoffnung“ und positive Emotionen zu geben: „Und Musik ist tatsächlich das einzige Phänomen, bei dem man diese positive Wirkung auch im Hirn nachweisen kann. Schon bei meinen ersten Untersuchungen zu Musik im Gehirn kam raus: Wenn wir Musik hören, gehen die positive Emotionen rauf, die negative Emotionen gehen runter. Und ich kenne nun wirklich vieles, das die positive Emotionen raufregelt, Kokain gehört dazu und andere Suchtmittel. Und es gibt wiederum Anderes, das die negativen Emotionen runterregelt. Aber etwas, das beides macht: Angst runter, Freude rauf – da kenne ich nur Musik.“



Musikliste:

David Qualey:
Santa Cruz
David Qualey (Gitarre)
Åsa Jinder:
Stilla ro och nära
Åsa Jinder (Gesang)
Gregorio Allegri:
Miserere zu 9 Stimmen
Ensemble Caprice
Leitung: Matthias Maute
George Winston:
Colors / Dance
George Winston (Klavier)
Hector Berlioz:
Un bal, 2. Satz aus: Symphonie fantastique
New York Philharmonic Orchestra
Leitung: Leonard Bernstein
Johann Sebastian Bach / Raymond Lefèvre:
Prelude in C
Raymond Lefèvre & son Grand Orchestre
Wolfgang Amadeus Mozart:
Adagio, 2. Satz aus: Klavierkonzert A-Dur KV 488
Vladimir Horowitz (Klavier)
Orchestra del Teatro alla Scala
Leitung: Carlo Maria Giulini
Angélique Kidjo:
Loloye
Angélique Kidjo (Gesang) & Ensemble
Alasdair Fraser / Paul Machlis:
Calliope House
Alasdair Fraser (Fiddle)
Joe Zawinul:
Mercy, Mercy, Mercy
Queen Latifah (Gesang) & Band

Musikmarkt: Buch-Tipp Manfred Spitzer: Das musikalische Gehirn

Musik kann uns beruhigen, sie kann auf unsere Tränendrüse drücken oder unser Tanzbein zum Schwingen bringen. Musik macht ganz schön viel mit uns. Aber wie funktioniert das denn überhaupt, das Musikhören? Dieser Frage ist der bekannte Hirnforscher Manfred Spitzer in seinem Buch „Das musikalische Gehirn“ nachgegangen.  mehr...

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