Ausstellung

Für Blinde und Sehende: „Klaviatur – Tastatur – Interface“ in Berlin

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AUTOR/IN
Oliver Kranz

Die Erfinder der ersten Schreibmaschinen haben sich von Tasteninstrumenten inspirieren lassen. Auch Computer-Tastaturen gehen darauf zurück. Auf diese Zusammenhänge weist eine Ausstellung des Berliner Musikinstrumentenmuseums hin: „Klaviatur – Tastatur – Interface“. Sie ist bewusst für sehende und für blinde Menschen konzipiert.

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Das erste Schreibcembalo

Wer das Berliner Musikinstrumenten-Museum betritt, ist von Tasteninstrumenten umgeben: Überall stehen Klaviere, Orgeln, Cembali - viele sehr prächtig und kostbar. Jetzt gibt es auch ein Cembalo Scrivano, das ist quasi eine dieser frühen Schreibmaschinen, sozusagen ein Schreibcembalo, entwickelt 1855 von Giuseppe Ravizza.

„Und zwar genau sieht man hier, dass es mehrere Tastaturreihen gibt - die untere ist weiß, die obere ist schwarz, so wie wir es vom Klavier kennen, und da sind dann jeweils die Buchstaben drauf verteilt.“

Technisch ähnelt das Cembalo Scrivano schon der Schreibmaschine, die sich später weltweit durchsetzte. Die Tasten lassen Typenhebel nach oben schnellen, die auf ein Farbband schlagen. Dem Erfinder ging es um eine höhere Schreibgeschwindigkeit und bessere Lesbarkeit der Schrift.

Auch für blinde Menschen ein Highlight

Fast zeitgleich wurden Schreibmaschinen für blinde Menschen entwickelt. Das brachte Mireya Salinas auf die Idee, die Ausstellung so zu konzipieren, dass sie auch von blinden Menschen besucht werden kann.

Texttafeln wurden in Blindenschrift übersetzt. QR-Codes verweisen auf Websites, bei denen Beschreibungen der Ausstellungsobjekte vorgelesen werden. Am spannendsten aber sind die Soundstationen. Dort kann man die ausgestellten Instrumente hören.

„Hier hören wir die originalen Sounds unserer Glasharmonika, die von 1812 ist und in ihrer Vitrine liegt und niemals angefasst werden kann, außer vielleicht alle paar Jahre mal von der Direktorin höchstpersönlich.“

Musik verbindet

Bei der Glasharmonika wird der Klang dadurch erzeugt, dass man mit feuchten Fingern über den Rand von rotierenden Glasschalen streicht. Das Museum hat die Töne aufgezeichnet, so dass sie über ein Keyboard ausgelöst werden können. Rainer Delgado vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband freut sich sehr, er ist selbst sehbehindert. 

„Ich erlebe vor allem den Klang – also dieses Vibrato und Tremolo, was da so drin ist. Und mehr habe ich erst mal nicht.“

Viel Wert gelegt auf Interaktion

Das Musikinstrumentenmuseum hat von Studenten des Fachs Kommunikationsdesign der Hochschule für Technik und Wirtschaft ein Pult entwickeln lassen, auf dem verschiedene Arten der Klangerzeugung demonstriert werden. Man kann mit den Fingern über gespannte Clavicord-Saiten streichen oder Tasten drücken, die auf einem Blasebalg angeordnet sind und Orgeltöne erzeugen.

Bis zu drei Personen können an dem Musikinterface Musik machen – Blinde und Sehende gleichermaßen. Deswegen werden im Musikinstrumentenmuseum auch Tastführungen für blinde und sehende Menschen gemeinsam angeboten. 

„Das finde ich überhaupt am besten, weil man nur auf diese Weise auch zum Beispiel kam, überhaupt mal Erfahrung macht, wie man miteinander umgehen kann.“

Bei den Führungen verschwindet die Befangenheit, die oft in der Kommunikation zwischen blinden und sehenden Menschen entsteht, wie von selbst. Mit geschlossenen Augen nimmt man die Musikinstrumente anders wahr – ihre äußere Gestalt und die Töne natürlich auch.

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