Leif Ove Andsnes spielt Frédéric Chopin Nocturnes und Balladen

AUTOR/IN

CD-Tipp vom 16.9.2018

In den 90er Jahren hat sich der norwegische Pianist Leif Ove Andsnes schon einmal mit Chopin ins Aufnahmestudio begeben, jetzt erst tut er es ein zweites Mal, im Fokus diesmal: Nocturnes und Balladen.

Klar, luzide, ohne Schwulst

Leif Ove Andsnes spielt Chopin: klar und luzide, ohne Schwulst, ohne übermäßige Romantizismen und Rubati. Chopin ernst genommen, als derjenige, der er ist: Als großer Erzähler und Seelenerforscher, als einer, der Abgründe kennt und nicht davor zurückschreckt. Wie Andsnes die Schlusstakte gestaltet, affektgeladen, von einer unausgesprochenen großen Tragik kündend, das ist toll, gerade weil es in gewisser Weise immer auch kühl bleibt.

Beeindruckendes Album

Um den vier Balladen Chopins etwas „Luft“ zu verschaffen, so formuliert es der Pianist – wer möchte auch vier Schauergeschichten hintereinander erzählt bekommen –, strickt Andsnes auf seiner neuen CD jeweils ein Nocturne dazwischen, was erstaunlich gut funktioniert. Auf die g-Moll Ballade zum Beispiel folgt das F-Dur Nocturne aus dem zweiten Opus der Gattung, Opus 15 also, und sogleich ist die musikalische Szenerie in ein ganz anderes Licht getaucht: Kleine Ornamente schmücken eine simple Hirten-Melodie, und selbst das im Mittelteil hereinbrechende Gewitter vermag der Idylle nicht wirklich etwas anzuhaben. Oder anders noch: Die Idylle, so hat Novalis es einmal gesagt, beschreibt ja gerade das „Vollglück in seiner Beschränkung“. Die Gefahr, dass alles anders werden und sein könnte, ist also stets zum Greifen nah. Leif Ove Andsnes weiß das zu spielen. Das beeindruckende neue Chopin-Album des norwegischen Pianisten Leif Ove Andsnes ist bei Sony erschienen.

CD-Tipp vom 16.9.2018 aus der Sendung Treffpunkt-Klassik - Neue CDs

AUTOR/IN
STAND
KÜNSTLER/IN