Musikmarkt

Film-Rezension: Klangwütig – Ein Jahr an der Karajan-Akademie

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AUTOR/IN
Desiree Löffler

Ein Studium an einer Musikhochschule ist intensiv – aber: Es bereitet junge Musiker eher auf ein Leben als Solist vor als auf das als Orchestermusiker. Und das, obwohl viel mehr Absolventen später ins Orchester gehen, als Solomusiker zu werden. Die Berliner Philharmoniker und ihr Chef Herbert von Karajan haben deshalb in den 70ern eine Akademie gegründet. Über diese Akademie gibt es nun den Film „Klangwütig“. Desirée Löffler hat ihn gesehen.

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Für die drei Protagonisten geht es um alles oder nichts

Lennard Cazakaj ist Trompeter und einer der Musiker, denen die Dokumentation ein Jahr lang folgen wird. Dazu kommen Sára Ferrandez, Bratscherin und Nodoka Okisawa, Dirigentin. Alle drei haben ihr Studium hinter sich, sind im Prinzip fertig ausgebildete Musiker und holen sich an der Karajan-Akademie den letzten Schliff.

An der Akademie werden die drei unterrichtet und haben die Möglichkeit, mit den Berliner Philharmonikern zu spielen. Aber was genau in der Akademie passiert, wer die Musiker unterrichtet und dass sie jeweils zwei Jahre an der Akademie verbringen, muss man sich ergoogeln. Da hält sich der Film erstaunlich bedeckt. Deutlich wird aber, das es der letzte Schritt vor dem Sprung ins kalte Wasser, ins „richtige“ Berufsleben wird.

Berufs-Vielfalt der Musiker

Wie das Berufsleben konkret aussehen soll, ist bei allen drei Musikerinnen und Musikern anders. Lennard ist tatsächlich auf der Suche nach einer Orchesterstelle, Sara will eher Solistin werden, Nodoka muss als Dirigentin sowieso schauen, welche Türen sich öffnen.

Die Themen, die die Regisseurinnen Isabel Hahn und Silvia Palmigiano anreißen, sind spannend: Es geht um Perfektionismus, das Verhältnis von Tradition und Moderne, um Gender-Fragen, um Pflicht, um Freiheit.

Fragen bleiben offen

Schade ist allerdings, dass die beiden all das eben wirklich nur anreißen. Es gibt so viele Momente, wo ich mir gewünscht hätte, dass sie nachhaken, tiefer graben. Warum empfindet Nodoka Dirigieren als so stressig, wie vereinbart Sara ihren Wunsch nach künstlerischer Freiheit mit dem Perfektionismus, ohne den klassische Musik 2022 nicht mehr funktoniert? Und will Lennard Trompete spielen, weil es ihm ein Bedürfnis ist, oder weil er sich nach all den Jahren des Übens und dem teuren Musikunterricht verpflichtet fühlt?

Ein Film ohne klare Dramaturgie

Ein Thema, das nicht vorkommt, weder im Ansatz noch in der Tiefe, ist die Pandemie. Erstaunlich, wo man immer wieder hört, dass die Corona-Zeit die Berufsaussichten und Hoffnungen junger Musiker kräftig durcheinander gewirbelt hat. Aber abgesehen von der ein oder anderen Maske ist das Thema in „Klangwütig“ unsichtbar.

Viel schlimmer aber ist, dass dem Film eine klare Dramaturgie fehlt. Er porträtiert die drei Musiker, erzählt aber keine Geschichte. Er zeigt nicht, wie die Zeit an der Akademie sie verändert, welche neuen Erkenntnisse sie über sich und die Musik gewinnen. Die wenigen Handlungsstränge, die es überhaupt gibt, Lennards Probespiel zum Beispiel, laufen ins Nichts, ohne Ergebnis.

Visuelles Erlebnis

Visuell dagegen ist „Klangwütig“ richtig gut gemacht. Musiker zu filmen ist nicht immer die dankbarste Aufgabe, weil sich nur wenig bewegt und das Spannendste oft die Nuancen sind. Aber genau die fängt das Kamerateam ein, mit ungewöhnlichen Einstellungen, starken Bildern und geschicktem, sehr musikalischem Schnitt.

Der Schnitt bindet die drei Protagonisten zusammen. Was sie darüber hinaus verbindet, ist schwerer zu fassen. In der Akademie selbst begegnen sie sich scheinbar nicht, zumindest werden uns diese Begegnungen nicht gezeigt, und sie sind sehr unterschiedlich, gerade in ihrer Einstellung zur Musik und was jeder und jede von ihnen damit verbindet.

Was aber alle drei immer wieder sagen, wenn auch zwischen den Zeilen, ist, welch hohen Preis Musiker zahlen, um ihren Beruf ausüben zu können.

Respekt für Musiker

Eine Ahnung, wie hoch dieser Preis ist, bleibt am Ende übrig, wenn der Bildschirm schwarz wird. Und damit vielleicht auch neuer Respekt für die einzelnen Musiker eines Sinfonieorchesters und den Weg, den jeder von ihnen zurückgelegt haben muss, um auf diesem Stuhl, dieser Bühne zu sitzen.

Dieser Respekt ist vielleicht das beste Argument dafür, „Klangwütig“ anzuschauen, trotz der beträchtlichen Schwächen des Films. Und natürlich die drei Musiker selbst, die sich den Filmemacher*innen und damit auch uns wirklich öffnen – was in der Welt der klassischen Musik nicht unbedingt selbstverständlich ist.

Der Film in der Arte-Mediathek

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