Thema Musik

Feynsinn und Straßendreck – Mittelaltermusik West und Ost 

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Gerhard Richter
Gerhard Richter im Portrait. (Foto: Carsten Schober)

Das Mittelalter musikalisch zu interpretieren haben einige Musikgruppen über die Zeit versucht. Alte Musik nicht nur zu diskutieren, sondern tatsächlich zu spielen, war eine neue Herangehensweise. Wie die Mittelaltermusik von der Nische einem breiten Publikum zugänglich gemacht wurde, und wie die Mittelalter-Szene in Ost und West mit ihren politischen Konflikten aussah, erzählt Gerhard Richter im Feature.

Die unterschiedlichen Geschichten der Mittelalter-Szene in Ost und West-Deutschland:

Mit seinem Studio für frühe Musik öffnet der US-Amerikanische Musiker Thomas Binkley in den 60er Jahren die Schatzkiste des europäischen Mittelalters. Nach seinem Studium der Musikwissenschaft in München interpretiert er die Fundstücke aus vergangenen Jahrhunderten auf historischen Instrumenten. Binkley und die Sängerin Andrea von Ramm achten penibel auf historische Werktreue, soweit es rekonstruierbar ist.

„Die Hauptarbeit, die wir hier machen im Mittelalter ist in Richtung Stilechtheit in einer Aufführung.“

Weit weniger authentisch verarbeitet Anfang der 70er Jahre die Gruppe Ougenweide die Texte von Walther von der Vogelweide oder Neidhart von Reuenthal. Ougenweide sieht sich zwar in der Tradition der mittelalterlichen Spielleute, bevorzugen aber die Bühne und sorgen mit E-Gitarre und Elektro-Bass für tanzbaren „Minnerock“. Diese Mittelaltermusik ist auch jenseits des eisernen Vorhangs zu hören.

Im Osten Deutschlands entsteht ebenfalls eine Mittelalterszene. Neben den eher akademisch geprägten Interpretationen des späten Mittelalters wächst auf den Straßen eine anarchistische Kultur, die sich radikal an die Lebens- und Spielweise der fahrenden Spielleute anlehnt. Die „Mittelalter-Punks“ von Tippelklimper brechen mit ihren Eselwanderungen und Auftritten auf der Strasse aus dem sozialistischen Alltag aus.

So sah eine der Eselwanderungen der Gruppe Tippelklimper aus. (Foto: Gerhard Richter)
So sah eine der Eselwanderungen der Gruppe Tippelklimper aus. Gerhard Richter

„Wir haben natürlich auch eine Menge Punk gehört aus dem Westen und natürlich auch die bekannten Ostdeutschen Punk Bands, das waren auch Kumpels von uns. Wir waren sowas wie Mittelalter Punks. Wir sind auf die Straße und haben gespielt, die Leute hatten Party und das hat der Obrigkeit natürlich gar nicht gefallen.“

Mittelaltermärkte: Ein Nährboden für die Bewegung

Mit Sackpfeifen und Dudelsäcken interpretierten Tippelklimper das Mittelalter als lautes und anarchistisches Spektakel auf der Straße und wurde so in den 80er Jahren zu einer Party-Protest-Bewegung.

Die zur Zeit der Wende aufkommenden Mittelaltermärkte bieten einen idealen Nährboden für diese Form der Mittelalterdeutung. Die Mittelalterszene wächst rasant und deren unterschiedliche Wurzeln aus Ost und West bilden viele neue Triebe.

Falkensteiner Minneturnier  (Foto: Detlef Gardemin, Archiv Minnesang.com)
Impression vom Falkensteiner Minneturnier 2022 auf Burg Falkenstein im Harz. Detlef Gardemin, Archiv Minnesang.com

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