Opernkritik | "Beatrice Cenci" in Bregenz Beatrice allein in einer brutalen Welt

Am 19.7.2018 von Karsten Umlauf

Die Sommerfestival-Saison im österreichischen Bregenz hat begonnen - mit der Premiere einer gänzlich unbekannten Oper im Festspielhaus: „Beatrice Cenci“, ein Stück des deutschen Komponisten Berthold Goldschmidt von 1951. Die Bregenzer Inszenierung erzählt die Geschichte über die Vatermörderin Beatrice Cenci in symbolisch aufgeladenen Bildern, die aus den dramatischen Schwächen der Oper eine Stärke zu machen versuchen.

Dunkler Stoff aus dem Rom der Spätrenaissance

Beatrice Cenci beruht auf einer wahren Geschichte, ein dunkleres Kapitel aus dem Rom der späten Renaissance. Der Vater von Beatrice, Francesco, ist ein neureicher Machtmensch, der sich nicht scheut, engste Verwandte umbringen zu lassen.

Seine Tochter vergewaltigt er und hält sie mit ihrem Bruder und ihrer Stiefmutter quasi in Gefangenschaft. Mit Hilfe eines Priesters lassen die drei ihn umbringen, werden danach aber gefangen genommen, gefoltert und schließlich als Mörder zum Tode verurteilt.

Bregenzer Festspiele 2018 mit "Beatrice Cenci" Brutaler Opernstoff in erstarrten Bildern

Szenenausschnitt Oper im Festspielhaus 2018 "Beatrice Cenci" (Foto: © Bregenzer Festspiele -  Karl Forster)
Die dunkle Geschichte aus dem Rom der Spätrenaissance schildert den Vatermord von Beatrice Cenci (Gal James, Mitte), die von ihrem Vater Francesco Cenci (Christoph Pohl, links) vergewaltigt wird und zusammen mit ihrer Mutter Lucrezia (Dshamilja Kaiser, rechts) quasi in Gefangenschaft lebt. © Bregenzer Festspiele - Karl Forster Bild in Detailansicht öffnen
Zusammen mit ihrem Bruder, ihrer Stiefmutter Lucrezia und unter Mithilfe eines Priesters gelingt es Beatrice (Gal James), den brutalen Vater (Christoph Pohl) umzubringen. Danach jedoch werden die drei gefangen genommen, gefoltert und schließlich als Mörder zum Tode verurteilt. © Bregenzer Festspiele - Karl Forster Bild in Detailansicht öffnen
Immer wieder gruppiert Regisseur Johannes Erath die Sänger zu ikonischen Standbildern, hier zu einem Abendmahlbild mit hedonistischen Kardinälen an einem gläsernen Tisch, unter dem sich Berge aus Gold und ein paar Leichen einfinden. In der Mitte Beatrice (Gal James), rechts Lucrezia (Dshamilja Kaiser). © Bregenzer Festspiele - Karl Forster Bild in Detailansicht öffnen
Das kluge Bühnenbild verlagert den Blick: durch einen großen runden Bogen schaut man wie durch ein Schlüsselloch auf das Geschehen. Wie bei einer Kameralinse weitet oder verengt sich die Perspektive. © Bregenzer Festspiele - Karl Forster Bild in Detailansicht öffnen
Es entsteht der Eindruck ständiger Beobachtung und fehlender Freiheit. Wem kann man noch vertrauen? Wie verändert sich die Wahrnehmung, wenn jegliche Schutzmechanismen der Gesellschaft und der Familie versagen? Im Bild Christoph Pohl, Gal James, Christina Bock als Bruder Bernardo und Dshamilja Kaiser (v.l.n.r). © Bregenzer Festspiele - Karl Forster Bild in Detailansicht öffnen
Die Musik bleibt mit einer seltsamen Mischung aus Schostakowitsch und Puccini am ehesten einem neu sachlichen Tonfall verpflichtet, der manchmal überrascht, aber nur selten berührt. An den meist sattelfesten Wiener Symphonikern unter Johannes Debus und der herausragenden Gal James als Beatrice liegt das jedoch nicht. © Bregenzer Festspiele - Karl Forster Bild in Detailansicht öffnen

Goldschmidt-Oper ohne dramatische Entwicklung

Unüberhörbar ist, dass Berthold Goldschmidt aus dem Stoff erstmal eine moderne Belcanto-Oper machen wollte. Die Sänger können sich zeigen, die Melodien sind nicht zu kompliziert, wenn auch nur in den seltensten Fällen wirklich eingängig.

Was dem Stück allerdings von Anfang an fehlt, ist ein gute Portion Dramaturgie. Die Charaktere vom fiesen Francesco bis zum kaltschnäuzigen Kardinal sind und bleiben böse, die drei Hauptpersonen Beatrice, ihr Bruder Bernardo und die Stiefmutter Lucrezia sind die Guten, die auf Verständnis und Gnade bei Volk und Kirche hoffen.

Bewegungslosigkeit in ikonischen Standbildern

Eine echte Entwicklung findet nicht statt. Diese Art von Bewegungslosigkeit treibt Regisseur Johannes Erath absichtlich auf die Spitze und versucht vielleicht, aus der Schwäche der Oper eine Stärke zu machen, was nur vereinzelt gelingt.

Szenenausschnitt Oper im Festspielhaus 2018 "Beatrice Cenci" (Foto: © Bregenzer Festspiele  - Karl Forster)
Immer wieder gruppiert Regisseur Johannes Erath die Sänger zu ikonischen Standbildern, hier zu einem Abendmahlbild mit hedonistischen Kardinälen an einem gläsernen Tisch, unter dem sich Berge aus Gold und ein paar Leichen einfinden. In der Mitte © Bregenzer Festspiele - Karl Forster

Immer wieder gruppiert er die Sänger zu ikonischen Standbildern, ein Abendmahlbild zum Beispiel mit hedonistischen Kardinälen an einem Gläsernen Tisch respektive Altar, unter dem sich Berge aus Gold, aber auch die eine oder andere Leiche einfinden.

Wie durchs Schlüsselloch auf die Handlung geblickt

Knallige Perücken, flackernde Kerzen. Während Sex und Gewalt absichtlich nur angedeutet werden, verlagert das kluge Bühnenbild den Blick: durch einen großen runden Bogen schaut man wie durch ein Schlüsselloch auf das Geschehen.

Per Video wird dieses große Rund dann mal gefüllt von einem virtuellen Ohr, später kommen kleinere Rundbögen hinzu, wie bei einer Kameralinse verengt sich dann die Perspektive.

Szenenausschnitt Oper im Festspielhaus 2018 "Beatrice Cenci" (Foto: © Bregenzer Festspiele - Karl Forster)
Das kluge Bühnenbild verlagert den Blick: durch einen großen runden Bogen schaut man wie durch ein Schlüsselloch auf das Geschehen. Wie bei einer Kameralinse weitet oder verengt sich die Perspektive. © Bregenzer Festspiele - Karl Forster

Symbolhaftigkeit, die Goldschmidts Musik nicht hergibt

Ständige Beobachtung, fehlende Freiheit ist das sehr heutige Thema. Aber auch die verschiedenen Schichten von Wahrheit unter persönlichem und politischem Druck. Wem kann man noch vertrauen? Wie verändert sich die Wahrnehmung, wenn jegliche Schutzmechanismen der Gesellschaft und der Familie versagen?

Ganz lange wird man aber das Gefühl nicht los, dass Bühne und Inszenierung versuchen, das Stück mit einer Symbolhaftigkeit aufzupumpen, die die Musik nicht hergibt.

Sachlicher Tonfall, nur selten berührend

Mit einer seltsamen Mischung aus Schostakowitsch und Puccini, klassizistischer Instrumentierung, barock anmutenden Linien und frei schrägen Klängen bleibt sie am ehesten einem neu sachlichen Tonfall verpflichtet, der einen manchmal überrascht, aber nur selten berührt.

Szenenausschnitt Oper im Festspielhaus 2018: "Beatrice Cenci" (Foto: © Bregenzer Festspiele - Karl Forster)
Die Musik bleibt einem neu sachlichen Tonfall verpflichtet, der manchmal überrascht, aber nur selten berührt. Gal James singt jedoch herausragend. © Bregenzer Festspiele - Karl Forster

An den meist sattelfesten Wiener Symphonikern unter Johannes Debus und der aus einem soliden Ensemble herausragende Gal James als Beatrice liegt es nicht.

Liedhafte Naivität ohne Zerbrechlichkeit

Erst zu Beatrices Hinrichtung am Ende mündet die Oper, dann aber umso heftiger, in eine liedhafte Naivität, der allerdings das morbid Zerbrechliche von Mahler oder Mussorgsky fehlt.

Wer weiß, wie viel davon der Exilsituation geschuldet ist, der auch künstlerischen Heimatlosigkeit Goldschmidts, der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kaum Zugang zur Avantgarde fand. Sein Stück öffnet einen interessanten Blick auf das Musikschaffen einer verdrängten Generation. Den Weg ins heutige Opernrepertoire wird es wohl eher nicht finden.

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