Buch-Tipp

Enoch zu Guttenberg: „Musizieren gegen den Untergang“

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Zum zweiten Todestag des Dirigenten und Umweltschützers Enoch zu Guttenberg erschien im Schott-Verlag eine Biografie über ihn von Georg Etscheit „Musizieren gegen den Untergang‟.

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Neben der Musik war der Kampf gegen die Zerstörung der Natur ein zentrales Thema in Guttenbergs Leben - zu einer Zeit, als man damit noch nicht in Talkshows glänzen konnte.

Kent Nagano schreibt sehr richtig in seinem Vorwort zu Etscheids Buch: „Guttenberg war ein Mensch, der viele Leben und Geschichten gelebt hat.“ Dorothea Hußlein hat das Buch gelesen.

Das Weihrauchfass bleibt im Schrank!

Ich war zunächst skeptisch, als ich von der Guttenberg-Biographie„Musizieren gegen den Untergang“ von Georg Etscheit hörte. Erschienen ist sie im Verlag Schott Music Mainz , hat 260 Seiten, ist mit einigen Bildern illustriert und kostet in der Paperbackausgabe 22,90  Euro im Hardcoverformat 29,90 Euro. Der Autor berichtet eingangs, dass das Schreiben für ihn riskant war. Er wollte alle Aspekte dieser schillernden Persönlichkeit erfassen, ohne seine Freundschafft mit Enoch zu Guttenberg zu gefährden. Guttenberg war ein einfühlsamer Menschenkenner und deshalb hat er zu Beginn der Zusammenarbeit mit Etscheit klargestellt „Das Weihrauchfass bleibt im Schrank!“ als dieser 2017 mit der Biographie begann.

Das Buch schildert sachlich und ungeschönt aber mit Sympathie und spürbaren gegenseitigen Vertrauensverhältnis die vielen Seiten Guttenbergs.

Guttenbergs materielle Großzügigkeit wurde flankiert von einer emotionalen Direktheit und Unbedingtheit, die viele Menschen verblüffte, zuweilen irritierte. Seinen Umarmungen entkam niemand, und Menschen, die Guttenberg trafen, waren überwältigt von der ungeschützten Art, mit der er all jenen begegnete, zu denen er spontan Vertrauen gefasst hatte und denen er oft schon beim ersten Kennenlernen intime Details seines Lebens und Denkens anvertraute.“

Die ersten Kapitel von „Musizieren gegen den Untergang“ beschreiben Enoch zu Guttenberg als Adligen, als Unternehmer und seinen gegen den Willen des Vaters eingeschlagenen Weg zur Musik. Diese beeinflusste schließlich sein ganzes Leben von der Reithalle im Schloss Guttenberg bis zu den internationalen Konzertsälen.

Wenn sich der Baron in Guttenberg aufhielt, nahm er jeden Morgen im eleganten Reiterdress eine einfache Mahlzeit in der Schlossküche ein und ging dann hinüber zu seiner mit einer Lautsprecheranlage ausgestatteten Reithalle, in der das Pferd gesattelt und aufgezäumt bereitstand, inklusive eines Schemels zum bequemeren aufsitzen. Zu den Klängen Bach’scher Musik ritt Guttenberg eine Stunde lang seine Lektionen, danach waren Pferd und Reiter schweißgebadet“.

Im Zentrum von Etscheits Biographie steht natürlich Guttenberg als Leiter der „Chorgemeinschaft Neubeuern“, als Dirigent und als Begründer und Intendant der Herrenchiemsee Festspiele. Vom Chor, von sich und dem später gegründeten Orchester mit dem provokanten Titel „KlangVerwaltung“ forderte Guttenberg stets, dass die Musik alle Beteiligten im Innersten bewegen sollte. Natürlich hatten seine beachtlichen Erfolge als Chorleiter und Dirigent, der mit seiner Arbeit für sich und seine Mitwirkenden Anerkennung als Musiker und dazu noch Geld verdiente, auch Neid zur Folge:

Fast sein ganzes Leben litt Enoch zu Guttenberg unter Behauptungen, er habe sich seinen Erfolg als Dirigent gewissermaßen gekauft, sein Ruf als Künstler basiere weniger auf Talent und Arbeit als auf Geld und gesellschaftlichem Einfluss. Doch diese Gerüchte entbehrten jeder Grundlage. Als Enoch seine Laufbahn als Musiker begann, war die wirtschaftliche Lage der Familie, wie bereits erörtert, prekär. In Neubeuern lebte er in einfachen Verhältnissen und musizierte mit einem Dorfchor, dem niemand eine große Zukunft vorausgesagt hätte.“

Den von den Medien gerne gepflegten Mythos, er habe aus musikalischen Laien die professionelle „Chorgemeinschaft Neubeuern“ geformt, hat Guttenberg stets genossen, auch wenn in Wirklichkeit die meisten seiner Choristen keineswegs musikalische Analphabeten waren. Georg Etscheit thematisiert in seiner Biographie neben Guttenbergs musikalischem Schaffen detailliert den Baron als Privatmenschen, einschließlich seiner Frauengeschichten und der Plagiatsaffäre seines Sohnes Karl-Theodor. Und Kent Nagano schreibt sehr richtig in seinem Vorwort zu Etscheids Buch:

„Guttenberg war ein Mensch, der viele Leben und Geschichten gelebt hat.“

Enoch zu Guttenberg engagierte sich immer politisch und verstand sich als „Bekenntnismusiker“, auch wenn er parteipolitisch in keine Schublade passte, wie Georg Etscheit schreibt. Der Buchtitel „Musizieren gegen den Untergang‟ trifft ins Schwarze, denn der Kampf gegen die Zerstörung der Natur war neben der Musik das zentrale Thema in Guttenbergs Leben. So hat er den Bund für Umwelt und Naturschutz mitgegründet und war immer ein engagierter Umweltpolitiker.

„Was steht dafür, die Welt von gestern zu beschwören? Während unsere Welt von heute mit sich überschlagender Geschwindigkeit abstirbt; was sage ich: Verreckt, erstickt, krepiert.“

Auf 260 eng bedruckten Seiten schildert Georg Etscheit sehr detailreich, aber mit Kritik, Humor und der nötigen Distanz das Leben Enoch zu Guttenbergs. Sein biographisches Porträt in unterhaltsamen Stil ist zugleich ein interessanter Einblick in die vergangenen sieben Jahrzehnte deutscher Kulturgeschichte. Ich habe dieses Buch mit Vergnügen und Erkenntnisgewinn gelesen, denn Guttenbergs charismatische und vielfältige Persönlichkeit kommt gut zur Geltung. Zugleich wird damit allen, die ihn auf nur eine Rolle, wie den reichen Baron reduzieren wollten, der Wind aus den Segeln genommen.

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