Wird es Spontaneität und Individualität im Zeitalter der Algorhythmen noch geben? Emile Parisien Quartet: Double Screening

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CD-Tipp vom 5.2.2019

„Double Screening“, so nennt man eine bestimmte Aufspaltung der Wahrnehmung; es ist eine besondere, visuelle Form des Multitaskings: Wenn jemand beispielsweise einen Film auf einem ipad guckt und zur selben Zeit Facebook auf dem Smartphone nutzt, dann ist das solch ein „Double Screening“. Und genauso - „Double Screening“ - heißt auch das neue Album des preisgekrönten französischen Sopransaxofonisten Emile Parisien. Frankreichs führender Jazzsaxofonist und sein Quartett reflektieren darauf Licht und Schatten, Fluch und Segen des Digitalzeitalters.

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Gibt es noch Raum für Poesie?

Emile Parisien macht Musik nicht nur des schönen Klanges wegen, er stellt auch Fragen zum Zustand unserer Gesellschaft. Zentraler Ausgangspunkt seines Albums „Double Screening“ sind Fragen wie: Was tun wir, wenn wir mal nicht mit unserem Smartphone verbunden sind? Wenn wir mal nicht aufs Tablet schauen und nicht vor dem Bildschirm sitzen? Kann man noch improvisieren in einer Welt, die zunehmend von Algorhythmen bestimmt wird? Gibt es Raum für Poesie in einer Gesellschaft, die immer mehr von Künstlicher Intelligenz umgeben ist?

Nachgestellte Digitalwelt ohne Laptop und Sequenzer

Das Emile Parisien Quartett versucht Antworten zu finden. Auf „Double Screening“ kreiert es einen Klangraum, der die Digitalwelt nachstellt, aber nicht so, wie man zunächst denken würde. Diese Musik kommt 51 Minuten ganz ohne Laptop, Sequenzer und Sampler aus. Das Parisien Quartett musikalisiert Haker und Aussetzer von CDs, das Ruckeln von digitalen Files, das Flackern von Bildschirmen mit traditionellen Instrumenten. Und auch das „Double Screening“ wird so verklanglicht. Im schwindelerregenden Hin-Und-Her-Switchen zwischen sich widersprechenden Stilen und Rhythmusebenen. Wenn Sie gleich denken: „Moment mal, das klingt ja wie zwei Bands.“, dann ist der Eindruck durchaus richtig. In Wirklichkeit spielt hier aber nur eine Band - in Realtime, in Echtzeit, ohne studiotechnische Tricks.

Wundersame kleine Sound-Maschine

Jeder Track dieses Albums „ist eine wundersame kleine Sound-Maschine, die umso faszinierender ist, weil sie Bilder unseres moderndes Digitalzeitalters so genau evoziert, ohne diese Technologie zu gebrauchen.“, schreibt der Kritiker Pascal Rozat. Deshalb schmuggelt Emile Parisien in seine Kompositionen auch bewusst Malware hinein, also Schadsoftware, Trojaner, die den musikalischen Fluss urplötzlich ins Taumeln, Schliddern und Kippen bringen. Turbogeschwindigkeit gibt das Tempo an. Dann gibt es aber immer wieder kurze, ruhige Zwischenspiele, lyrische Intermezzi voller Feeling, die zeigen, was für ein fantastisch melodischer Spieler Emile Parisien ist. Er hat auf dem Sopransaxofon etwas geschafft, was nur die wenigsten auf diesem Instrument zustande bringen: er hat einen Sound entwickelt, den man im Bruchteil einer Sekunde wiedererkennt. Ein kurzes poetisches Durchatmen, bevor der nächste Datenstrom aus Bits und Torrents über einem hereinbricht.

Kann man diese Musik beim wirklichen „Double Screening“ hören?

Eher nicht. Und auch wohl kaum beim Abwaschen oder Aufräumen. Wer sich jedoch die Zeit nimmt, dem Emile Parisien Quartett bei seinen irrwitzigen Streifzügen durchs Netz aufmerksam zu folgen, wird reich belohnt. Pianist Julien Tojuéry präpariert den Flügel so originell, dass ein John Cage glücklich wäre und vielleicht wäre der sogar noch zum Jazz konvertiert, wenn er den Kontrabassisten Ivan Gelugne gehört hätte. Jüngster im Bunde ist Julien Loutelier, der am Schlagzeug ein ständiger kreativer Unruheherd ist.

Alle vier Musiker sorgen für improvisatorische Geistesblitze

Es fällt auf, dass Emile Parisien trotz aller Kritik hier nicht mit dem Zaunpfahl der Didaktik winkt. Dieses Album sagt keineswegs nur „Böses, böses Digitalzeitalter“. Parisien weiß genau, was er der Allgegenwart der Daten verdankt, seine Liebe für scheinbar unendlich viele Musikstile, der radikal multistilistische Ansatz seines Jazz wären ohne das Netz nicht denkbar. Der Reiz der Datenströme, die Lust, sich in der Welt der Bits und Torrents zu verlieren steckt in dieser Musik genauso drin wie ein trockener Humor und bittere Ironie. Alle vier Musiker komponieren für diese Band. Jeder sorgt für improvisatorische Geistesblitze. So flimmernd, irritierend und aufregend komplex die Musik wirkt, die Botschaft des Quartetts könnte kaum klarer sein: Wird es Spontaneität und Individualität im Zeitalter der Algorhythmen noch geben? Es liegt an uns, wenn wir haben wollen, dass das so ist.

CD-Tipp vom 5.2.2019 aus der Sendung SWR2 Treffpunkt Klassik

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