Atemberaubend, zauberhaft, hypnotisch Elicia Silverstein: The Dreams & Fables I Fashion

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CD-Tipp vom 3.2.2019

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Es gibt da ein Sonett von Pietro Metastasio, in dem der Dichter beschreibt, wie er von seinen eigenen Versen schon beim Verfassen mitgerissen wird. Die erste Zeile dieses Sonetts hat eine junge Geigerin ihrer neuen CD als Titel mitgegeben: Die Träume und Fabeln, die ich mir ausdenke… auf italienisch klänge das natürlich viel schöner: Sogni e favole io fingo, aber man kann ja auch ganz sprachlos der Geigerin beim Träumen und Fabulieren zuhören.

Im Sinne des Wortes "zauberhaft" gegeigt

„Zur Ehre der fünfzehn heiligen Mysterien“ des Rosenkranzes hat der Salzburger Hofmusiker und Geigenvisionär Heinrich Ignaz Franz Biber 15 Mysteriensonaten geschrieben. Verrätselt und symbolbeladen werden Notenbilder auch optisch zu Kreuzmotiven, Geigensaiten müssen verstimmt werden, teilweise gar im Wirbelkasten überkreuz gelegt werden. „Du wirst meine viersaitige Leier verstimmt finden,… mit Sorgfalt und größtmöglicher Kunstfertigkeit“, so wendet sich Biber im Vorwort an den Geiger. Viel ist an dieser radikalen Musik des ausgehenden 17. Jhds. zu deuten. Aber, wie selbstverständlich die junge Geigerin Elicia Silverstein diese aufregend sprechende Musik neben Werke des 20. Jhds. programmiert, ist geradezu atemberaubend. Aus dem Schatten des Kreuzes gerät man in die zwielichtig beunruhigende Welt eines Capriccio von Sciarrino aus dem Jahr 1975. Das ist zauberhaft gegeigt im Sinn des Wortes.

Intimer kann man kaum in Dialog mit Musik treten

Schimmernd, blitzend, hyperaktiv und dennoch hypnotisch…Wie Elicia Silverstein die Caprice von Sciarrino spielt, müsste eigentlich auch unbelehrbare Hasser zeitgenössischer Klangsprache bekehren. Das ist idiomatisch, das Instrument spricht direkt und unmittelbar, intimer kann man kaum in Dialog mit Musik treten. Der mit chirurgischer Präzision geführte Geigenbogen ist mal Skalpell, mal Wattestäbchen im Ohr des staunenden Hörers. Und mit diesem Ultrapräzisionshandwerk bohrt Elicia Silverstein geradezu verstörend neugierig herum in einer ohnehin schon ziemlich befremdlichen Sonate des Exzentrikers Pandolfi Mealli von 1660. Klänge unter Rasterelektronenmikroskop. Hier ist musikalisches Nervengewebe freigelegt, das jedes Zittern, jeden Schmerz sofort ins Gehirn projiziert.

Ultramaniriert, aber herrlich

Auf der CD, erschienen beim Label Rubicon, findet sich neben der Pandolfi Sonate noch Musik von Biber, Sciarrino, Luciano Berio und Bachs monumentale d-Moll Chaconne. Die entwaffnend verletzlich geigende Elicia Silverstein wird flankiert von Mauro Valli, Cello und Michele Pasotti, Theorbe. Nun ist Elicia Silverstein natürlich nicht die erste Künstlerin, die Biber mit Berio, Barock mit Moderne kombiniert. Aber möglicherweise ist sie derzeit die aufregendste Regisseurin eines solchen Geigenpanoramas.

CD-Tipp aus der Sendung SWR2 Treffpunkt Klassik - Neue CDs

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