Gespräch

#MeToo beim Film und Theater: Eva Hubert über die Themis-Vertrauensstelle

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INTERVIEW

Die Themis Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt ist ein Verein, der Betroffene sowie Kulturschaffende beim Film, Fernsehen oder Theater berät. „Nach der Vorstellung noch gemeinsam in die Kneipe zu gehen ist keine Pflicht, und Proben nachts im Hotelzimmer sind nicht normal“, so Eva Hubert aus dem Themis-Vorstand.

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Ein geschützter Raum für Betroffene

Themis — nach der griechischen Göttin der Gerechtigkeit benannt — wurde im Mai 2018 von 17 Verbänden aus der Film- und Theaterbranche gegründet. Sowohl Berufsverbände, Gewerkschaften als auch die Arbeitgeber*innen selbst waren mit der Absicht daran beteiligt, Zustände, die durch MeToo an die Öffentlichkeit gekommen waren, zu verbessern.

Über Telefon ist eine Psychologin für Betroffene erreichbar. Eine Anwältin berät in Rechtsfragen. Manchmal sei es auch ein wichtiger Schritt, überhaupt über das Vorgefallene zu sprechen. „Es melden sich Frauen und Männer, denen etwas passiert ist, was ihnen ein schlechtes Gefühl bereitet, oder womit sie auch teilweise sehr lange mit sich selbst kämpfen.“ so Hubert im Gespräch.

Auch Arbeitgeber*innen nutzen die Beratung durch Themis

Damit ist Themis ein überbetrieblicher, geschützter Raum. Es kommen aber auch Anfragen von der Arbeitgeber-Seite. Viele Arbeitgeber*innen oder Personal-Verantwortliche würden sich an Themis wenden, wenn sie nicht genau wissen, wie sie mit einem Fall umgehen sollen, erzählt Eva Hubert.

Eva Hubert berichtet im Gespräch auch von proaktiven Intendant*innen, die Verhaltenskodizes aufstellen sowie von Produktionsfirmen, die sich aktiv um ein gutes Betriebsklima bemühen. Wenn sowohl Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen an einem Strang ziehen, wo liegen dann die Probleme? Mit dem Bekanntwerden von Themis melden sich nämlich auch immer mehr Betroffene.

Wo die Probleme hauptsächlich liegen

Die Tatsache, dass man ein sehr enges Arbeitsverhältnis hat, verleitet zum Glauben und Selbstverständnis, man sei eine große kreative Familie, erzählt die Eva Hubert. Dadurch werden Grenzen aufgeweicht.

„Es ist trotzdem für jeden wichtig, seinen eigenen Selbstschutz zu haben: Dass es ist nicht selbstverständlich ist, nach der Produktion noch zusammen in die Kneipe zu gehen oder nachts im Hotelzimmer Proben zu machen.“

Freie Mitarbeiter*innen und eine allzu familiäre Atmosphäre

Ein weiteres Problem seien die freien Mitarbeiter*innen, die nur für Projekte beschäftigt werden und nach einigen Wochen wieder weg seien. Wenn es da Vorfälle gebe, sei es bisher etwas schwieriger für Betroffene, sich Hilfe zu holen. Die Betroffenen würden oft gar nicht wissen, dass es eine Anlaufstelle für sie gibt. „Manchmal entscheiden sie sich, die Zähne zusammenzubeißen“, berichtet Eva Hubert in SWR2 — vor allem weil sie dächten, sie könnten die restliche Zeit bis zum Ende des Projekts durchhalten.

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