Kommentar

Ein Plädoyer für Political Correctness in der Klassik-Welt – Axel Brüggemann

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Axel Brüggemann

War da Russlandkritik in Schostakowitschs Werk „Die Nase“ an der Bayerischen Staatsoper München? Auch in der Klassik erleben Künstler*innen, wie Maria Kalesnikava und Kirill Serebrennikow Repressalien. Andererseits werden homophobe Äußerungen von Valery Gergiev in München toleriert. Axel Brüggemann sieht die Klassik in der Pflicht, mehr Haltung zu zeigen.

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Kritik an Valery Gergiev

Ein bisschen klang das wie ein Affront, als der Dirigent Vladimir Jurowski neulich erklärte: „Bei Wladimir Putins Geburtstag habe ich bis jetzt nicht dirigieren müssen und werde das auch nie tun.“

Die Stoßrichtung war klar: Jurowski, frischgebackener Chefdirigent der Bayerischen Staatsoper in München, warf hier den Fehderhandschuh direkt vor die Füße eines anderen russischen Dirigenten, der ebenfalls in München – bei den Philharmonikern – tätig ist: Valery Gergiev.

Gergiev: enger Vertrauter Putins, einer der unverhüllt vor sich herträgt, dass ihn Rechte für Homosexuelle nicht interessieren und er die Annexion der Krim durch Russland vollkommen in Ordnung findet.

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Schostakowitschs „Die Nase“

Dass Jurowski nun auf Frontal-Angriff geht, mag mit der sehr gelungenen Premiere zu tun haben, die er an der Bayerischen Staatsoper dirigierte: Dimitri Schostakowitschs groteske Oper „Die Nase“ – in der Regie von Kirill Serebrennikow. Genau, jenem Serebrennikow, der Vladimir Putin ein Dorn im Auge ist.

Weil er aus seiner Homosexualität eben keinen Hehl macht, weil er in seinen Arbeiten gern die orthodoxe Kirche Russlands kritisiert – und das passierte auch in der „Nase“: Eine Abrechnung mit dem (offensichtlich russischen) Polizeistaat, seiner Absurdität und Brutalität – der Eiseskälte der Willkür.

Serebrennikow saß lange im Hausarrest, jetzt ist er am Reisen gehindert, weil ihm der Pass abgenommen wurde. In München gab es für dieses Opern-Theater Applaus. Für Serebrennikows Leben sind derartige Inszenierungen noch immer: brutal gefährlich!

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Es geht um Haltung

Nicht, dass wir uns missverstehen, ich bin kein bedingungsloser Fan seiner Arbeiten, seinen Hamburger „Nabucco“ fand ich polit-kitschiges Ausstattungstheater. Aber darum geht es hier nicht! Es geht um so etwas wie: Haltung!

Gerade die Oper erzählt regelmäßig vom Politischen und dem Privaten, von Sehnsucht und Ungerechtigkeit: Historische Dramen wie die Hugenotten, Don Carlos oder Nabucco und historische Macht-Märchen wie Aida, Il Trovatore oder die Götterdämmerung.

Eine besondere Verantwortung der Klassik

Der tragische Kampf aufgeklärter Humanisten, der Liebe und der Gerechtigkeit gegen machthungrige Despoten. Ein Leitmotiv der Operngeschichte! Gerade die Klassik hat eine besondere Verantwortung – wie nennt man das neudeutsch? – political correct zu sein!

Gerade heute, da so viel politisch äußerst unkorrekt läuft. Egal, ob aufgeklärte Klassik-Musiker in der Türkei verfolgt werden oder der Fall der weißrussischen Flötenspielerin Maria Kolesnikowa, die in Stuttgart studiert hat, zur Ikone der Widerstandsbewegung wurde und von Lukaschenkos Schergen gerade zu 11 Jahren Haft verurteilt wurde.

Niemand, der sich mit Bach, Mozart oder Beethoven, Verdi, Rossini oder Wagner auseinandersetzt, kann eine politische Realität, in der politisch Andersdenkende in den Knast gesperrt werden, ertragen.

Befremdliche Ausflüchte bei den Münchner Philharmonikern

Um so befremdlicher ist die ewig gleiche Antwort des Intendanten der Münchner Philharmoniker, Paul Müller, der – wenn er nach Gergievs Positionen zur Krim oder gegenüber Homosexuellen gebeten wird – immer gleich argumentiert: Es handle sich um eine Privatmeinung des Dirigenten, die der Intendant nicht kommentiere.

Ich persönlich finde es zumindest merkwürdig, dass Deutschland Russland für politisch unkorrektes Handeln mit Sanktionen belegt, ein Dirigent, der Putins Kurs befürwortet, aber eine Spitzen-Gage kassiert – bezahlt von Münchner Steuergeldern.

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