Buch-Tipp „Ein Lied in allen Dingen“: Der Opern- und Schlagersänger Joseph Schmidt

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Wer kennt ihn noch, den einst gefeierten Tenor Joseph Schmidt, der vor den Nationalsozialisten durch halb Europa floh? Am 4. März wäre Josef Schmidt 115 Jahre alt geworden. Nun hat Stefan Sprang sein Leben in einem Roman verwoben. Dorothea Hußlein hat das Buch gelesen.

Ein Leben wie eine tragische Oper

Aus heutiger Sicht erscheint das Leben Joseph Schmidts wie eine tragische Oper: Der Tenor gilt Ende der 1920er Jahre als Star des neuen Unterhaltungsmediums Radio und er wurde schnell für den Film entdeckt, was ihn bald weltberühmt machte. Seine schöne lyrische Stimme und die Fähigkeit, sich ganz locker in den Höhen zu bewegen, zogen seine Fans magisch an.

Die Frauen lagen ihm zu Füßen und „der deutsche Caruso“ hatte zahlreiche Liebschaften und Affären. Doch in großen Operninszenierungen spielte er nie wirklich als Heldentenor mit, denn er war mit nur 1’54 m zu klein für die Bühne.

Wendepunkt 1933

Das war das Drama seines Lebens und dadurch ist er nicht in die Operngeschichte eingegangen, wie beispielsweise ein Fritz Wunderlich. Weil Joseph Schmidt Jude war, geriet sein Leben mit der Machtübernahme der Nazis am 30. Januar 1933 in Gefahr, obwohl selbst Göbbels seine Kunst bewunderte. Der Film „Ein Lied geht um die Welt“ mit Joseph Schmidt in der Hauptrolle als Tenor, wurde am 9. Mai 1933, einen Tag vor der Bücherverbrennung uraufgeführt. Am Tag nach der Premiere floh er aus Deutschland. 

Große Erfolge im Exil

Im Exil konnte der gefeierte Tenor noch große Erfolge feiern: 1936 gab er in den Niederlanden vor 100.000 Menschen ein OpenAir Konzert, zweimal ging er auf Konzerttournee in die USA und debütierte im März 1937 als Tenor in der New Yorker Carnegie Hall.

Doch konnte er weder in Wien, Belgien, noch in Frankreich Fuß fassen, da ihn die Nationalsozialisten durch den Anschluss Österreichs und die Eroberung Frankreichs verfolgten, was letztlich zu seinem Untergang führte. Die Chance, sich rechtzeitig in die USA abzusetzen, nahm Schmidt nicht war.

Als optimistischer Mensch unterschätzte er zu lange den Ernst der Lage und hoffte vergeblich auf ein Ende des Nationalsozialismus. Zudem war er tief in der europäischen Kultur verwurzelt. Schließlich floh er im Oktober 1942 mit letzter Kraft als Illegaler in die Schweiz. Einen Monat später, am 16. November 1942, starb Joseph Schmidt an Herzversagen, kurz vor seiner Anerkennung als Flüchtling in der Schweiz.

Mischung aus Fakten und Fiktion

Umfangreiches Material aus dem Zürcher Zeitungsarchiv, Literatur von Joseph Roth und die Biographie von Alfred A. Fassbind bildeten die Grundlage für Stefan Sprangs neuen Roman. Durch die aus Fakten und Fiktion gemischte Erzählung in Romanform geht Sprang über die nüchterne Dokumentation hinaus und versetzt sich einfühlsam und kenntnisreich in das Leben aus der Perspektive von Joseph Schmidt.

Sprang beschreibt, wie sein Held bestimmte Lebenssituationen empfunden haben könnte, lässt ihn mit Personen der Zeit zusammentreffen, beispielsweise Bruno Walter oder Göbbels. Diese Zeitreise aus dem Berlin der 20er Jahre bis ins Schweizer Auffanglager und die Pension, in der Schmidt am Ende stirbt, gliedert er in drei Teile.

Die Schilderung der Sängerkarriere ist von Erzählungen über Erniedrigung, Flucht und Tod eingerahmt. Das Vorhaben, die Entwicklung vom erfolgsverwöhnten Sänger zum verzweifelten Flüchtling literarisch zu schildern, ist gelungen, auch wenn manche Szenen zu ausufernd gestaltet sind. Ein lesenswertes Buch.

Buch-Tipp vom 22.5.2019 aus der Sendung SWR2 Treffpunkt Klassik

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