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Hollywood und der Rest der Welt überschlagen sich vor Begeisterung für Hildur Guðnadóttir, den neuen Star am amerikanischen Filmmusikhimmel. Ihre Musik zum Film „Der Joker“ hat den Oscar 2020 gewonnen und für ihren Soundtrack zur Serie „Chernobyl“ wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Damit ist die isländische Komponistin und Wahlberlinerin erfolgreich in einer Männerdomäne.

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Hildur Guðnadóttir - eine Affinität für schaurige Sujets

Die isländische Komponistin Hildur Guðnadóttir hat schon für einige bekannte Filme und Serien die Filmmusik geschrieben: „Der Joker“, die Serien „Chernobyl“ und „Handmaid's Tale“. Alle drei haben ein schauriges, düsteres Sujet gemeinsam. Mit Guðnadóttirs Musik stellen sich beim Zuschauen die Haare auf.

Eigentlich sei sie ein fröhlicher Mensch, so Hildur Guðnadóttir. In der Musik habe sie aber einen Hang zum Unheimlichen. So wie die Großmutter zum Abschalten Krimis gelesen habe, vertone sie eben gern Filme mit düsteren Themen. Das macht sie seit 10 Jahren. Dass es jetzt für diese Arbeit Preise regnet, ist das Resultat harter Arbeit und eines Lebens für die Musik.

„Der Joker“ - Joaquin Phoenix Improvisation zu Guðnadóttirs Musik wird zur Schlüsselszene

Häufig schreiben Komponist*innen ihre Musik passgenau zu fertig gedrehten Szenen. Ganz anders beim „Joker“. Nur mit Drehbuchskizze und Cello bewaffnet, entwickelt die in Berlin lebende Komponistin den sphärisch-düsteren Soundtrack.

Durch diesen umgekehrten Prozess ist eine Schlüsselszene im Film entstanden. Beim „Bathroom Dance“ beginnt sich der mit Blut verschmierte Clown langsam in Trance zu drehen. Es ist die Geburtsstunde des teuflischen „Joker“. Interessant daran: Die Szene war so gar nicht geplant. „Todd Phillips, der Regisseur, hat Joaquin meine Musik zur Szene vorgespielt und er begann dazu zu tanzen“, so die Komponistin. Was man sieht, ist eine Live-Improvisation zur Musik Guðnadóttirs.

Erster Oscar für eine Filmmusik-Komponistin seit 22 Jahren

Im Januar 2020 gewinnt Guðnadóttir als erste Frau überhaupt den Golden Globe Award für die beste Filmmusik. Im Februar folgt der Filmmusik-Oscar für den Soundtrack zum „Joker“, der geht das erste Mal seit 22 Jahren wieder an eine Frau

„Ich komme ja aus Island und bin da mit sehr starken Frauen groß geworden. Unsere Präsidentin z.B. war die weltweit erste Frau an der Spitze eines Lands. Außerdem bin ich stark von meiner Großmutter beeinflusst. Sie gehörte zu den ersten Ärztinnen Islands. Sie war Virologin und allein erziehende Mutter. Sie hat mir beigebracht: Es gibt nichts, was Du nicht kannst.“

Hildur Guðnadóttir, Filmmusik-Komponistin

„Ich konnte mir lange nicht vorstellen, dass es Grenzen gibt, nur weil ich eine Frau bin.“ verrät die im Jahr 1982 geborene Künstlerin im BBC Gespräch. Erst als sie 2003 zum Studium nach Berlin wechselt, fällt ihr auf, dass der Rest der Welt anders tickt: „Das war etwas merkwürdig für mich“.

Guðnadóttir, die in Reykjavik und in Berlin Cello, Elektroakustik, Komposition und Neue Medien studiert, steht auf experimentelle und elektronische Musik, die sie auch mit Gesang und Laptop live performt. Das ist die erste Männerdomäne, in die sie ungewollt einbricht. Und dann ist da noch ihr Hang zum experimentellen Metal, dessen furioses Dröhnen sie gern mit zarter, elfenhafter Stimme untermalt.

Die Serie „Chernobyl“ - ein Atomkraftwerk als Instrument


Zeitgleich zum „Joker“ arbeitet Hildur Guðnadóttir 2018 noch an der Filmmusik zur Serie „Chernobyl“. Völlig anderes Thema, ganz andere Herangehensweise. Im Soundtrack zur Serie „Chernobyl“, der der Künstlerin 2019 einen Emmy für die beste Filmmusik bringt, wird das Atomkraftwerk selbst zum Instrument.

Sie reist dafür in einen entlegenen Winkel Litauens, zu einem Atomkraftwerk, das aufgrund der Baugleichheit den Spitznamen „Tschernobyls Schwester“ trägt. Im Strahlenanzug wandert sie durch das still gelegte Werk und macht Feldaufnahmen Geräusche und Atmosphären, aus denen sie am Computer unter Einbeziehung ihrer Stimme eine bizarre Klangcollage baut. „Ich habe aus dem Atomkraftwerk quasi ein Musikinstrument gemacht“.

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