Donaueschinger Musiktage 2003 | Werkbeschreibung

Werke des Jahres 2003: "Penelopes Atem"

Stand
AUTOR/IN
Isabel Mundry
Isabel Mundry bei den Proben zu "Penelopes Atem". Quelle: Armin Köhler, SWR. (Foto: SWR, SWR)
Isabel Mundry bei den Proben zu "Penelopes Atem"

Penelopes Atem ist ein Ergebnis meiner Auseinandersetzung mit der Odyssee; hier wird die Figur der Penelope beleuchtet.

Während Odysseus Suche nach der Heimat eine großflächige Irrfahrt bis ans Ende der Welt ist, findet sich das Fremde bei Penelope (belagert durch die Freier Ithakas) inmitten ihres eigenen Hauses. Ihre Odyssee beginnt, wo der eigene Resonanzraum entschwindet.

Ein entscheidender Eindruck für die Interpretation der Penelope gewann ich bei zwei zeitlich dicht beieinanderliegende Reisen nach Chicago und Tokio – zwei Städte, die sich auf gegensätzliche Art erschließen. Die städtische Struktur Chicagos entspringt der architektonischen Setzung. Fasziniert von der Vielfalt gigantischer Gebäude (Zyklopen?) durchläuft man die Stadt mit dem Blick nach oben, lässt das Auge Glasfassaden und Designerwelten entlang wandern, um schließlich im Innern eines Fastfood-Restaurants das Gesicht eines einzelnen Menschen zu fokussieren – Spiegel der Stadt und zugleich eine Welt für sich. Die Lesart Tokios geht in entgegengesetzte Richtung. Hier scheint das Geflecht der Großstadt einem Bonsai zu entwachsen, von dem aus sich Suppenküche, mittleres Wohnhaus, übereinandergelagerte Straßen, Hochhaus, Wolkenkratzer und schließlich Skyline erschließen. Beide Eindrücke relativieren die Gewissheit über Anfang und Ende des intimen und des öffentlichen Raumes. Die Strecke zwischen meinem Auge und meiner Hand kann eine Irrfahrt sein, eine Großstadt die Einheit meines Ichs.

Isabel Mundry und Sylvain Cambreling bei den Proben zu "Penelopes Atem". Quelle: Armin Köhler, SWR. (Foto: SWR, SWR -)
Isabel Mundry und Sylvain Cambreling bei den Proben zu "Penelopes Atem"

Ähnliche Wahrnehmungsstrukturen beschäftigen mich beim Komponieren permanent, verbunden mit der Fragestellung, in welcher Größenordnung sich Form und Gestalt konstituieren, ob der einzelne Ton bereits eine Welt für sich oder ein komplexes Klanggebilde nur einen Punkt in größeren Zusammenhängen bildet.

Diese Komposition lotet die Variabilität solcher Relationen aus und entwickelt daraus ihre Form sowie klangräumliche Gestalten. Ausgehend von der Polarität Stimme und Orchester, können sich beide Seiten Resonanzraum sowie fremdes Gegenüber werden.

Die Stimme bezieht sich auf zwei Anagramme von Unica Zürn, deren Titelzeilen eine thematische Annäherung an Penelope zulassen. Ein Anagramm unterliegt dem strengen Regelwerk, allen Zeilen den identischen Buchstabenvorrat des Titels zugrunde zu legen. Mit jeder Entscheidung für ein Wort schränkt sich der Rest der Möglichkeiten ein. Versucht man an einer Stelle Sinn zu gewinnen, so entsteht an der anderen Unsinn. Auf diese Weise entwickeln sich sonderbare Wortgebilde zwischen Intention und Zufall – die Odyssee beginnt hier im Inneren einer Zeile.

Das Bett ist meine Zuflucht vor dem Leben

Schatten vom Liebesblut, Federnmund, Zeit,
zaubert mein Bett voll Fische. Stunde dem
Nebel im Zimtbad entfluechtet, Vers du, so
Lebend, zerfliessend im Tau vom Bett-Tuch.

Unica Zürn

Der Tod ist die Sehnsucht meines Lebens

Ich seh, es eilen bittren Munds des Todes
Stunden herbei. Es ist leicht – des Mondes
Stoss hebt dich in Sterne. Leidensmuede
Stoss mich Hund bitte in des Endes Leere.
Dort ist es, den ich Blinde sehen muesste.

Unica Zürn

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Isabel Mundry