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Wer macht eigentlich Musik für wen? Die Charta der Vielfalt regt mit ihrem Diversity Day jedes Jahr am 18. Mai dazu an, branchenübergreifend zu reflektieren, wie es um das Thema Diversität steht. Ida Hermes nimmt den Tag zum Anlass, einen Überblick über aktuelle Initiativen für mehr Diversität im Kulturbetrieb zu geben.

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Musik erweitert unseren Horizont. Musik verbindet uns, sensibilisiert uns. – Das sind wohlklingende Phrasen, die wir gerade in der Corona-Zeit immer wieder hören. Fakt ist: In kaum einer Branche wird Diversität noch immer so klein geschrieben wie im Kulturbetrieb. „Je besser die Posten, desto weniger Frauen“ titelt das Feuilleton der FAZ im März. Um von allen anderen marginalisierten Gruppen gar nicht erst anzufangen.

Gute Absichten, wenige Taten

Petra Olschowski, Staatssekretärin im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg engagiert sich seit 2018 im Rahmen des Projekts „Dialog | Kulturpolitik für die Zukunft“ unter anderem für mehr Diversität. An Verständnis und guten Absichten bei den Intendant*innen mangele es nicht, erzählt sie. Sobald es darum geht, konkret etwas zu ändern, kommen die ersten Schwierigkeiten.

Diskriminierung ist also ein strukturelles Problem. Dieses Problem auch auf dieser Ebene und damit wirklich zu lösen, kostet erstmal Zeit, Geld und Überzeugungsarbeit.

Ein Airbag gegen Diskriminierung

Nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz gibt es eine Verpflichtung für alle Unternehmen, Fortbildungen anzubieten, um Diversität zu fördern. Es gebe nur kein juristisches Instrument, wo Betroffene und Angestellte das verlangen können. „Wir haben eine Pflicht, aber wir haben von Betroffenen kein Recht, diese Pflicht einzufordern“, so die Rechtsanwältin Sonja Laaser.

Auf Initiative der Dortmunder Theaterintendantin Julia Wissert hat Sonja Laaser die Anti-Diskriminierungsklausel entwickelt: Einen vertraglichen Zusatz, mit dem Angestellte von Kultureinrichtungen ihr Recht auf Fortbildung einfordern können, sobald sie sich von Diskriminierung betroffen sehen.

Für mehr Diversität am Theater sorgt die Klausel nicht direkt. Sie ist ein Airbag. Und sorgt schon dafür, dass sich von Diskriminierung Betroffene wohler und sicherer an ihrem Arbeitsplatz fühlen.

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz

An vielen Kultureinrichtungen galt die Anti-Diskriminierungsklausel gerade in den Anfängen als ein radikales, weil juristisches Instrument. Dabei ist sie ein freiwilliges, kostenfreies Angebot, das sich individuell anpassen lässt. Alle sind sich also einig: Diskriminierung und mangelnde Diversität sind Probleme, die es zu lösen gilt –  aber sich zumindest in akuten Fällen zur Teilnahme an einem Workshop verpflichten, das lehnen viele Institutionen ab.

„Der Intendant und das Haus, werden oft alleine gelassen, auch von der Politik. Man sagt, du musst halt familienfreundlich und geschlechtergerecht und divers und super modern werden, aber deine 10.000 Abonnenten musst du halt irgendwie auch bekommen. Das kann ja nicht funktionieren. “

Alle sind verantwortlich

Wenn es um Diversität geht, tragen alle dazu bei, wie zügig die Gesellschaft und die Kultur sich öffnen für Vielstimmigkeit und ein respektvolles Miteinander. Das geht auch im Kleinen: Indem man das Thema Diversität bei jeder Entscheidung im Hinterkopf behält.

Zum Beispiel auf Blackfacing oder auf diskriminierende Fremdbezeichnungen zu verzichten. Nicht nur große Veränderungen ändern auf Dauer die Welt. Beim Thema Diversität und Antisdiskriminierung sind der Nachholbedarf, aber auch das Potenzial groß.

Diversity Gemeinsam sind wir Vielfalt

Menschen machen unterschiedliche Erfahrungen mit dem Thema Diversität – von Diskriminierung und Ausgrenzung bis hin zu Anerkennung und Interesse. Manche von ihnen teilen ihre Erlebnisse und machen Mut. Dem widmen wir uns, geben Menschen eine Plattform und zeigen: Gemeinsam sind wir Vielfalt.  mehr...

Livemusik und -Talk Wie divers ist unser Kulturleben? Mit Mithu Sanyal und Yared Dibaba

Lieber auf zwei Stühlen sitzen als dazwischen - und das Kuddelmuddel der kulturellen Vielfalt als Schatz und gesellschaftliche Chance sehen. Die Schriftstellerin Mithu Sanyal und der Schauspieler und Entertainer Yared Dibaba sprechen mit Moderatorin Katharina Eickhoff locker, unverkrampft und mit Humor über so schwere Themen wie Diversität und Rassismus – ohne die Probleme dabei wegzulachen. Die passende Musik spielt Marimba-Virtuosin Katarzyna Myćka.  mehr...

SWR2 Abendkonzert - LIVE SWR2

Baden-Baden

#Kulturfrauen Für mehr Mut zur Diversität: Çağla İlk, Direktorin der Kunsthalle Baden-Baden

Çağla Ilk hat gezielt nach einer Leitungsposition gesucht, die sie sich mit jemandem teilen kann. „Vier Augen sehen mehr als zwei, und vier Hände schaffen mehr als zwei“, sagt die 44 jährige Direktorin der Kunsthalle Baden-Baden. Die Zeit der Alleinherrscher in Kultureinrichtungen sei vorbei. Für sie und ihren künstlerischen Partner Misal Adnan Yildiz ist das Arbeiten im Kollektiv auch ein politisches Statement. Çağla Ilk ist in Istanbul geboren und hat dort Architektur studiert. Dann zog es sie nach Berlin, wo sie ihr Studium mit dem Schwerpunkt Architektur-Soziologie fortsetzte. Besonders interessiert sie die Nutzung des öffentlichen Raums für künstlerische Interventionen. Mehrere Jahre arbeitete sie als Dramaturgin und Kuratorin unter anderem für das Maxim Gorki Theater. Ein wichtiges Anliegen ist ihr der Kampf für mehr Diversität in Kultureinrichtungen. Da stehe Deutschland noch ganz am Anfang. Çağla Ilk hofft, dass ihr Beispiel junge Frauen mit Migrationshintergrund ermutigt.  mehr...

SWR2 Journal am Mittag SWR2

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