Musikgespräch

Dirigent Christoph Eschenbach über den „Freischütz“ am Konzerthaus Berlin

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Genau 200 Jahre nach der Uraufführung von Carl Maria von Webers „Freischütz“ kommt die Oper am gleichen Ort, am Konzerthaus Berlin, wieder auf die Bühne. Der Dirigent des Abends, Christoph Eschenbach verrät im Gespräch mit SWR2, was ihn an der romantische Oper fasziniert und gewährt erste Einblicke in die vielversprechende Inszenierung der Theatergruppe Fura dels Baus. Die Premiere wird am 18. Juni 2021 live auf Arte Concert gestreamt.

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Ein Ohrwurm in Berlin

Ende Juni des Jahres 1821 pfiffen und summten die Menschen in Berlin „Wir winden Dir den Jungfernkranz“. Darüber ärgerte sich damals Heinrich Heine, der kurz nach der Uraufführung am 18. Juni die Stadt besuchte. Die populären, volkstümlichen Melodien der Oper hätten zum riesigen Erfolg der Oper beigetragen, so Christoph Eschenbach.

„Bin ich mit noch so guter Laune des Morgens aufgestanden, so wird doch gleich alle meine Heiterkeit fortgeärgert, wenn schon früh die Schuljugend, den 'Jungfernkranz' zwitschernd, bei meinem Fenster vorbeizieht. Es dauert keine Stunde, und die Tochter meiner Wirtin steht auf mit ihrem 'Jungfernkranz'.[...] Sogar wenn ich bei Tisch sitze, wird es mir vom Sänger Heinsius als Dessert vorgedudelt. Den ganzen Nachmittag werde ich mit 'veilchenblauer Seide' gewürgt.“

Der deutsche Wald als Teil der deutschen Seele

Politische Aspekte, wie das Bestreben, eine deutsche Nation zu gründen und ein deutsches Nationalbewusstsein zu schaffen, trafen damals einen Nerv. Heute sind sie zwar überholt, „der Freischütz“ habe aber noch andere Facetten, so Eschenbach.

Der deutsche Wald habe in keinem anderen Stück der Musikgeschichte eine derartig tiefe Bedeutung, wie in Webers „Freischütz“. Der deutsche Wald sei sozusagen die Seele des Deutschen, erzählt der Dirigent.

„Und dieser deutsche Wald ist in Gefahr auszutrocknen und vom Borkenkäfer aufgefressen zu werden“, sagt Eschenbach über die Aktualität der Oper: „Es ist ein ökologisches Problem, das wir unbedingt in die Sicht des Stückes integrieren müssen.“

Inszenierung: La Fura dels Baus

Der ökologische Aspekt sei auch das zentrale Thema der Neuinszenierung am Konzerthaus Berlin. Die katalanische Theatergruppe La Fura dels Baus realisiert eine filmische Inszenierung. Dafür werde nicht nur die Bühne, sondern der gesamte Saal eingesetzt.

Die Premiere können Sie am 18. Juni 2021 um 19 Uhr hier live ansehen.

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