Kommentar

Kolumnist Axel Brüggemann: Eklat um Mozart-Skulptur

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Eine Skulptur von Mozarts Sohn, Franz Xaver Mozart, sorgt derzeit für Streit im ukrainischen Lemberg. Sebastian Schweikert, der Bildhauer, hat den berühmten Sohn etwas zu „menschlich“ gestaltet - nach Meinung der Lemberger Bewohner . Diese fordern, die „zu moderne“ Statue aus dem Stadtbild zu entfernen. Mittendrin kämpft die Dirigentin Oksana Lyniv für die Freiheit der Kunst in ihrer Heimat.

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Ein Festival zu Ehren von Mozarts Sohn, Franz Xaver

Die Dirigenten Oksana Lyniv hat sich bei mir gemeldet und gefragt, ob ich ihr helfen könne. Es gäbe Zoff in ihrer ukrainischen Heimat Lemberg. Hier leitet Lyniv das Mozart-Festival, das sich um Mozarts Sohn dreht, um Franz Xaver Mozart.

Fast 30 Jahre lang wohnte er in der heutigen Ukraine: als Pianist und Komponist. Das Festival der Dirigentin (die in Bayreuth gerade den „Fliegenden Holländer“ dirigiert hat) feiert den europäischen Geist der Klassik: die Grenzenlosigkeit der Musik, ihre Freiheit und Internationalität. Und nun gibt es Streit!

Junger Mann mit Mikrofon in der Hand; mit seinem anderen Arm stützt er sich lässig an der Skulptur. (Foto: imago images, IMAGO / ZUMA Wire)
Der österreichische Künstler Sebastian Schweikert bei der Präsentation seiner Franz Xaver Skulptur. IMAGO / ZUMA Wire

Die Skulptur zeigt einen im bildlichen Sinne verkorksten Menschen

Zum 230. Jubiläum des Mozart-Sohnes gab Lyniv eine Skulptur in Auftrag — beim deutsch-österreichischen Künstler Sebastian Schweikert. Seine überdimensionale Mozart-Skulptur zeigt den Komponisten-Sohn mit der viel zu großen Perücke seines bekannten Vaters, mit zwei linken Füßen und einer übergroßen Dirigierhand. Ein allzu menschlicher Mensch, der um seine Selbständigkeit ringt — darum, aus dem Schatten seines Übervaters auszubrechen.

Die Skulptur zeigt einen im bildlichen Sinne verkorksten Menschen. Und genau das gefällt vielen Lembergern nicht: „Zu modern“, sagen sie, die Skulptur beeinträchtige „das öffentliche Stadtbild“, derartige Kunstwerke gehörten in „geschlossene Räume“. Inzwischen gibt es eine ernst zu nehmende Petition, das Denkmal zu entfernen – und Oksana Lyniv muss im Stadtparlament für die Kunst streiten!

Nicht nur ein ukrainisches Phänomen

Auch in der Mozart-Stadt Salzburg gab es vor einigen Jahren Zoff um eine Mozart-Skulptur: Sie stammte von Markus Lüppertz und zeigte ebenfalls einen um seine Dimensionen ringenden Mozart (hier ging es allerdings um Wolfgang, also den Vater von Franz Xaver).

Auch hier war es die Salzburger Bürgergesellschaft, die das Denkmal vor der Ursulinenkirche im Wortsinne geteert und gefedert hat. Lüperts hat es ertragen, ausgehalten, und seine Skulptur auch: Sie steht noch immer da und gehört heute zum Salzburger Stadtbild – ganz selbstverständlich.

Die provozierende Mozart-Statue in Salzburg

Lüpertz bei der Arbeit an Mozarts weiß-gepudertem Gesicht. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture-alliance/ dpa/dpaweb | Roland Weihrauch)
Der Düsseldorfer Künstler Markus Lüpertz schaffte die Mozart-Skulptur im Rahmen des "Kunstprojekts Salzburg" im Jahr 2005 picture-alliance/ dpa/dpaweb | Roland Weihrauch Bild in Detailansicht öffnen
Die drei Meter große nackte Statue steht bis heute am Ursulinenplatz in Salzburg. IMAGO / Manfred Siebinger Bild in Detailansicht öffnen

Kunst ist keine Deko-Tapete

Auch Sebastian Schweikerts Mozart-Skulptur in Lemberg ist keine Dekoration der Stadt, sondern: Kunst! Keine Tapete, sondern Motor einer offenen und lebendigen ukrainischen Gesellschaft.

Auch die Werke Mozarts und seines Sohnes Franz Xaver wollten nicht nur unterhalten oder gefallen – sie wollten ein Spiegel der Menschen und der Menschlichkeit sein. Kunstwerke, die ihre Zeit in Frage stellten und gleichzeitig an die Größe des Menschen, an seinen Verstand, seine Emotionen und seine Gefühle appellierten. 

Kunst zulassen, auch wenn sie nicht gefällt

Schweikerts Mozart-Skulptur und die öffentliche Debatte in Lemberg zeigen die Größe und die Kraft und die Schönheit der Kunst – und es ist wichtig, sie zuzulassen. Sie auszuhalten. Sich zu vergewissern, in einer Gesellschaft zu leben, in der Kunst eine Kraft und keine Dekoration ist.

Es ist gut und wichtig und richtig, dass die Dirigentin Oksana Lyniv im Stadtrat für die Skulptur kämpft. Es ist großartig, dass Mozart, sein Sohn und ihre Kunst heute selbst ohne Musik, allein als Skulptur, für so viel Krach in einer Stadt sorgen können! 

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