Kommentar

Axel Brüggemann zu Olympia in Peking: Die Kultur ist nicht integrer als der Sport

STAND
AUTOR/IN
Axel Brüggemann

Olympia in Peking ist ein freudiges Ereignis mit einem bitteren Beigeschmack. Der westliche Journalismus wird vor Ort überwacht und eingeschränkt. Westliche Klassik geht aber immer: zur Eröffnungsfeier in Peking oder bei Kultur-Gastspielen in China. Richten sich westliche Orchester da nicht nach den chinesischen Zensurbehörden? Wie viel Politik spielt in der Kultur überhaupt eine Rolle? Ein Kommentar von Axel Brüggemann.

Audio herunterladen (5,8 MB | MP3)

„Klassik geht immer“

Wahrscheinlich hatte irgendjemand vom Olympischen Planungsstab in Peking hat eine CD „Best of Classics“ gefunden und sie auf Dauerschleife gestellt, als die Athletinnen und Athleten zur großen Eröffnungsfeier der Winterspiele ins „Vogelnest“-Stadion in Peking einmarschiert sind.

„Klassik geht immer“, mag man sich gedacht haben. Und so erklangen willkürliche Walzer für Teams aus Amerika und das Trinklied aus „La Traviata“ für die Mannschaft aus Österreich. Na ja – ist ja nur Sport!

Sport ist immer auch Politik

Aber: Sport ist immer auch Politik. Das sehen wir dieser Tage: diplomatischer Boykott Chinas wegen Menschenrechten und Uiguren. Derweil steigt Xi Jinping mit Vladimir Putin in den politischen Zweier-Bob, und auf Deutschlands Sportseiten wird schon in die Zukunft geschaut: Im Dezember beginnt die WM in Katar – wie gehen wir damit um? Einschalt-Boykott oder nicht? 

Auch deutsche und europäische Orchester gehen auf China-Tournee

Was – zum Glück! –  Thema beim Sport ist (die Politik) wird in der Klassik gern beiseitegeschoben. Dabei sind Orchester kein Stück moralischer als Bayern München oder der BVB. Gastspiele in China sind, gerade für große Orchester, gern gesehen.

Denn es geht um Hunderttausende, die schnell Mal auf einer Tournee von Peking über Hangzhou und Wuhan nach Hongkong (äh, nein... Hongkong ist gerade: sehr schlecht!) verdient werden können. Auch europäische und deutsche Orchester werden sich hier bald schon wieder die desinfizierte Klinke in die Hand geben.

Gefällige Repertoires für die Zensurbehörden

Klassik-Veranstalter argumentieren dabei genau wie Sport-Funktionäre: Klassik sei ein „Brückenbauer“, überwinde die Tagespolitik und sorge für Verständnis. Aber, hey: Natürlich redet kein Dirigent über Menschenrechte, bevor er in Peking den Taktstock hebt, und, logo, dass deutsches Regietheater mit Polit-Kritik nicht auf Tournee nach Fernost geschickt werden kann.

„Die Gefängnis-Oper Fidelio – muss das sein?“ Und Neue Musik? „Könnt Ihr nicht eher so etwas wie beim Wiener Neujahrskonzert spielen?“ „Klar“, heißt es dann oft von europäischen Ensembles, „da richten wir uns gern nach euch“, wobei es eigentlich heißen müsste „…nach euren Zensurbehörden“.

Die Doppelmoral und das Schweigen der Klassik-Szene

Regisseur Kirill Serebrennikow kann in Deutschland inszenieren, in Russland saß er im Hausarrest. Der Semperopernball zieht nach Abu Dhabi und der „Competizione dell’Opera“ nach Russland. Veranstalter Hans-Joachim Frey wird von Putin bezahlt und sagt zur Ukraine natürlich: NICHTS! Hauptsache es wird getanzt!?

Genau jene Kultur, die im Namen des Humanismus im Jumbojet durch die Welt jettet, jene Kultur, die sich gern auch über den Sport erhebt, stimmt das große Pianissimo an, wenn es wirklich ernst wird.

Die Berichterstattung ist beim Sport weiter

Wir können in diesen Tagen also ziemlich leicht die Nase rümpfen, wie die Olympia-Clique Kasse in Diktaturen macht. Aber: Wir sollten wissen, dass die Musik all das nicht anders macht.

Vielleicht würde es der Klassik schon helfen, wenn man über diese politische Bredouille so offen berichten würde, wie wir es beim Sport inzwischen gewohnt sind.  

Gespräch Biao Li zur klassischen Musikkultur in China: eine wachsende Branche

Die Olympischen Winterspiele in Peking haben vor einigen Tagen begonnen. Und das ist auch ein Anlass, einmal musikalisch nach China zu schauen. Professor Biao Li ist Perkussionist und Dirigent und lehrt am zentralen Musikkonservatorium in Peking und an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. Über das Musikleben in Deutschland und China sowie die Ausbildungssituation im Vergleich spricht er in SWR2, denn „klassische Musik in China schaut immer, wie klassische Musik in Deutschland klingt“.  mehr...

SWR2 Treffpunkt Klassik SWR2

Gespräch Die Sinologin Barbara Mittler über das Musikleben und die Musikkultur in China

Bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele in China war auch klassische Musik zu hören – Wiener Walzer zum Beispiel. Die Sinologin (Chinawissenschaftlerin) Barbara Mittler von der Uni Heidelberg erzählt in SWR2 von kultureller Aneignung, Dissidenten in der Musik und dem chinesischen „Jugend Musiziert“.  mehr...

SWR2 Treffpunkt Klassik SWR2

STAND
AUTOR/IN
Axel Brüggemann