Kommentar

Axel Brüggemann zur Mauser-Affäre: Ein Drama in vier sehr erbärmlichen Akten

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Der ehemalige Rektor der Münchner Musikhochschule Siegfried Mauser tritt nun seine Haft wegen sexueller Nötigung an. Die Affäre um ihn hat gezeigt, wie rückständig und unangenehm Missbrauch in der Kultur- und Klassikwelt oft debattiert wird. Ein Kommentar von Axel Brüggemann.

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Ein erschreckendes Licht auf die gesamte Klassik-Szene

Am 1. Februar erwarten die Angestellten der Haftanstalt Salzburg den Häftling Siegfried Mauser. Ein langer Weg! Über zwei Jahre ist es her, dass ein Urteil gefällt wurde: Zwei Jahre und neun Monate für den ehemaligen Präsidenten der Münchner Musikhochschule und des Mozarteums in Salzburg wegen sexueller Nötigung.

Dass Siegfried Mauser die Haft erst jetzt antritt (oder besser gesagt, bereit ist, die Haft anzutreten), ist juristisch legitim. Moralisch ist es fragwürdig.

Dass sich der einst angesehene Professor so lange der Strafe entzieht, ist nicht nur für seine Opfer schwer zu ertragen, es wirft auch ein erschreckendes Licht auf die gesamte Klassik-Szene: Gerade in der Kultur und besonders in der Musik, in einem Umfeld, in dem Intimität, Nähe und Leidenschaft eigentlich zur Grundausstattung gehören, sind sexuelle Übergriffe besonders verbreitet.

Grenzen sind fließend und werden andauernd überschritten

Grenzen sind fließend und werden andauernd überschritten. Und, nein: Keine Hand, die ungefragt auf einem fremden Körperteil liegt, ist von der Kunstfreiheit gedeckt! 

Der Fall Mauser stellt die Frage, wie glaubwürdig Musikausbildung und musikalische Institutionen sind, wenn die Bestrafung von Übergriffen sich in wagnerhafte Zeit-Dimensionen hinzieht?

Ein Rückblick auf ein Drama in vier „erbärmlichen Akten“

Ein kurzer Rückblick: Vier Frauen haben Siegfried Mauser beschuldigt, sie genötigt zu haben. Eine Anklage wegen Vergewaltigung wurde nicht geahndet, da sich Mausers Gegenüber nach altem Strafrecht dafür „nicht genug zur Wehr gesetzt“ habe. Es beginnt ein Drama in vier - zum Teil – sehr erbärmlichen Akten.

Akt 1: Die Verzögerung

  • Nach dem Urteil 2019 hat Mauser seine Haftstrafe in München nicht wie geplant im Januar 2020 angetreten, weil ihm – der auch die Österreichische Staatsbürgerschaft hat – das entsprechende Schriftstück nicht in Salzburg (wo er inzwischen wohnte) zugestellt wurde.

Akt 2: Die Gesundheit

  • In Salzburg erklärte Mauser, dass er haftunfähig sei – auf Grund seines körperlichen und psychischen Zustandes. Dummerweise erschienen zeitgleich Bilder auf den Social-Media-Kanälen, die Mauser in gemütlichem Ambiente beim Weintrinken auf einem Salzbuger Aussichtspunkt zeigten. Die Haft wurde dennoch verschoben.

Akt 3: Die Öffentlichkeit

  • Zunächst entstand eine Pro-Mauser-Öffentlichkeit, angeführt von der Ex-Intendantin des Beethoven Festes Bonn, von Nike Wagner (einer engen Freundin), gefolgt von alten universitären Weggefährten, die Mauser in einer Festschrift zum 65. Geburtstag über den grünen Klee lobten. Es folgten ein BILD-Interview, in dem Mauser unkommentiert seine Sicht der Dinge beschreiben konnte und Pro-Mauser-Artikel der damaligen Welt-Gerichts-Reporterin Gisela Friedrichsen.
  • Jetzt befinden wir uns mitten im 4. Akt: Die Beweislast und die Beharrlichkeit der Gerichte lässt die Mauser-Fraktion ruhiger werden. Nur Mauser selber kommuniziert noch immer mit dem Medien-Boulevard: Der Österreichischen „Kronenzeitung“ erklärte er, dass er die Haft am 1. Februar zwar antreten werde, beharrte aber darauf, dass er „Opfer eines Fehlurteils“ sei. Er will weiterkämpfen.

Schon jetzt gibt es nur Verlierer! Natürlich zuerst Mausers Opfer, die immer wieder an der Konsequenz der europäischen Justiz gezweifelt haben. Aber auch Theater, Orchester – kurz: der ganze Kulturbetrieb.

Weitreichende Folgen für den Musikbetrieb sind zu befürchten

Niemand wünscht sich, dass Professoren Türen während einer Gesangsstunde offen stehen lassen müssen, dass Intendanten bei jeder Alltagshandlung eventuelle Anschuldigungen mitdenken müssen – aber es sind Fälle wie der Fall Siegfried Mauser, durch die eine wesentliche Grundlage der Kultur zerstört wird: das Vertrauen.

Das Vertrauen auf die so nötige gemeinsame und respektvolle Leidenschaft, das Vertrauen auf Werte wie Redlichkeit, das Vertrauen in die Welt jenseits der Kultur, um die Kultur zu einem sichern Ort zu machen.

Dieses Vertrauen schwindet, und die Vorsicht wächst – der Verdacht ist allgegenwärtig. Eine denkbar schlechte Ausgangslage für alle, die Kunst machen wollen.

Salzburg

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