Brüggemanns Klassikwoche

Die Causa Peter Spuhler: Über den Umgang mit Fehlverhalten in Führungsetagen

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Peter Spuhler musste Anfang des Monats seinen Posten als Intendant des Badischen Staatstheaters Karlsruhe fristlos räumen, aber geklärt ist die Causa Spuhler noch lange nicht. Unser Kommentator Axel Brüggemann hat sich auf die Suche nach Transparenz und juristischen Maßnahmen gegen Übergriffe, Willkür und Fehlverhalten in Führungsetagen begeben.

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Häufung von Fehlverhalten in Kulturinstitutionen

Die Fälle sind erstaunlich: Der Komponist und Musikprofessor Siegfried Mauser wurde vor über einem Jahr zu einer Haftstrafe wegen sexueller Übergriffe verurteilt – und ist noch immer auf freiem Fuß: Weil er sich zunächst nach Österreich abgesetzt hat und inzwischen ein Attest nach dem anderen vorlegt.

James Levine, der inzwischen verstorbene Chefdirigent der MET in New York wurde – auf Grund übelster Vorwürfe von sexueller Belästigung Minderjähriger – zunächst gefeuert, klagte dann und einigte sich (außergerichtlich) mit der MET auf Kompensationszahlungen in Millionenhöhe.

Metropolitan Orchestra Ehemaliger Met-Dirigent James Levine verstorben

Der Dirigent James Levine ist im Alter von 77 Jahren verstorben. Levine hat als renommierter Dirigent unter anderem das Metropolitan Orchestra, sowie das Orchester in Boston und die Münchner Philharmoniker geleitet. Seine letzten Jahre waren von Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs geprägt.  mehr...

Als Vorwürfe gegen den Chefdirigenten der Staatsoper unter den Linden in Berlin, gegen Daniel Barenboim, laut wurden – er soll cholerisch sein und einzelne Musiker*innen öffentlich vorführen – gab es zwar eine große Debatte, aber die Berliner Kulturpolitik tat schnell wieder, als sei nichts geschehen. 

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Ein verstörendes Bild: Veränderungen geraten ins Stocken

Drei Fälle, die vollkommen unterschiedlich gelagert sind. Sowohl was die Schwere der Vorwürfe betrifft als auch den Umgang und die Konsequenzen.

Und dennoch: Es entsteht ein Bild. Und das ist verstörend. Wir reden zwar andauernd über #metoo und darüber, dass wir gerade in unseren Kulturinstitutionen einen kultivierten Umgang wollen – vor allen Dingen des Führungspersonals. Gleichzeitig beobachten wir aber, dass die Mittel fehlen, um diesen Wunsch durchzusetzen. Oder der politische Wille. Oder das juristische Know-how.

Parade-Beispiel: Peter Spuhler am Theater Karlsruhe

Das zeigt sich derzeit auch am Theater Karlsruhe. Zunächst wurde Intendant Peter Spuhler vorgeworfen, cholerisch zu sein, ein Kontroll-Fanatiker und unhaltbar im Umgang mit seinen Mitarbeiter*innen. Nach einigem Hick-Hack wurde bekannt gegeben, man wolle sich zur Saison 2021/22 von ihm trennen (bis heute ist unklar, ob Spuhler überhaupt eingewilligt hat).

Dann berief man mit Ulrich Peters einen Nachfolger. Und jetzt stellte man wohl fest: Verdammt – das könnte teuer werden. Also wurde Spuhler ein zweites Mal gefeuert – nun mit sofortiger Wirkung, einstimmig – durch den Verwaltungsrat.

Fakt ist: juristisch ist das nur möglich, wenn neue Erkenntnisse vorliegen. Spuhler Verhalten war aber seit Monaten bekannt. 

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Kunstministerin Theresia Bauer: kein Kommentar

Ich habe inzwischen selber bei Baden-Württemberg Kunstministerin Theresia Bauer nachgefragt. Sie ließ mich (ziemlich wortkarg) wissen: Alles privat, alles persönlich – kein Kommentar.

Ich habe noch Mal nachgehakt: Wäre es nicht wichtig, den Stand der Dinge, wenigstens die Anschuldigungen, zu kennen – davon hängen ja Steuergelder ab, und ein Theater ist immerhin eine öffentliche Institution. Aber Bauer blieb dabei: kein Kommentar.

Etwas aufschlussreicher war die Antwort im Theater Karlsruhe. Auch Spuhler will sich zur Sache nicht äußern (klar, denn für ihn geht es um seine Abfindung), aber in der Antwort der Pressestelle konnte man durchhören, dass der Intendant seinen Rauswurf nicht akzeptiert habe.

Und mehr noch: Es ist durchaus möglich, dass die fristlose Kündigung gar nichts mehr mit Spuhlers Verhalten zu tun hat, dass man einfach einen anderen Grund gesucht hat, möglicherweise ein Kavaliersdelikt: eine Nacht länger bei Dienstreisen im Hotel, eine falsche Abrechnung – was auch immer.

Fehlen die richtigen juristischen Mittel?

Also, am Ende könnte es sein, dass Spuhler offiziell nicht wegen der Vorwürfe und seines Führungsstils gefeuert wird, sondern aus irgendeinem anderen Grund, der juristisch leichter zu vertreten ist.

Das allerdings wäre eine Art Willkür. Vor allen Dingen aber wäre es intransparent! Aber der Fall Spuhler weist über Karlsruhe hinaus und zeigt, dass der Politik die Mittel fehlen, um Vorwürfe gegen das Führungspersonal zu verfolgen und juristisch sauber zu ahnden. 

Es ist gut, dass wir über #metoo und Co reden. Aber mindestens so wichtig wäre es, dass wir endlich Gremien und juristisch saubere Situationen schaffen, um Übergriffe, Willkür und Fehlverhalten in unseren Kulturinstitutionen transparent zu ahnden – sowohl im Interesse der Beschuldigten als auch ihrer potenziellen Opfer. 

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